33 Jahre, das Überleben im Winter

Die Blachen des Überlebenszeltes schlagen in der Nacht. Ein höllischer Schneesturm tobt in der Umgebung. Zusammengekauert haben die Schiffbrüchigen der Nacht in dieser geheizten Unterkunft Zuflucht gefunden, zusammengedrängt im Schnee.

Eine tödliche Kälte
Die Überlebenszelte haben 2007 das Licht der Welt erblickt. Auf eine improvisierte Weise ohne wirkliche Planung, aus der dringenden Notwendigkeit heraus, für die zu zahlreichen erfrorenen obdachlosen Sans-Papiers eine Antwort zu finden, erinnert sich Andrei Schapaev, Verantwortlicher der humanitären Aktionen und einer der Pfeiler von Nochlechka seit über zwanzig Jahren.
Das erste Zelt wurde im Hof von Nochlechka errichtet. Die NGO hatte es aus Überbeständen der Armee gekauft.
Angesichts des sich jährlich wiederholenden Dramas wurde Nochlechka Käufer eines zweiten und schliesslich eines dritten Zeltes. Heute werden zwei dort aufgestellt, wo sich die Verwaltung dazu herablässt, es zuzulassen.

Ohne Rücksicht
Was bei der petersburger Administration schlimm ist, erklärt Andrei, ist der Umstand, dass wir jeden Herbst mit all den Verhandlungen bei Null beginnen müssen. Und beinahe jedes Mal wird uns ein neuer Standplatz zugewiesen.
2021 hat die Verwaltung ein Terrain auf der Insel Wassiliewski festgelegt. Aber eben, der neue Standplatz war ein Zentrum der Ratten. Das Gebiet war von abertausenden Rattenlöchern übersäht.
Das Zelt befand sich genau auf ihrem Weg zwischen dem Meer und den Schuppen des Quartiers, ihren Lieblingsorten, wenn es kalt war und wo sie sich aufwärmen konnten, erinnert sich Andrei Schapaev noch.
Für die Zeltbewohner war es ein höllischer Winter.

Sich in Szene setzen
Die Überlebenszelte haben manchmal die Aufmerksamkeit der petersburger Politiker auf sich gezogen. Wenn die Medien zu oft über die Kältetoten sprachen, erschienen einige verantwortliche Politiker der Verwaltung am Ort, die Berge von Wundern versprachen, umgeben von einer Meute Kameras und Mikrofonen. Die Versprechungen wurden selten eingehalten.
In der Regel wird diese Sozialkategorie von den Politikern ignoriert, da die obdachlosen Sans-Papiers weder im Sommer noch im Winter ein Wählerpotential darstellen.

Nochlechka wird umgekrempelt
In den 33 Jahren sind die Realisationen der NGO, um das Schicksal seiner Schützlinge zu verbessern, beträchtlich gewesen.
Unter der Leitung des Präsidenten Grigory Swerdlin wird Nochlechka professionalisiert.
Nach den Jahren von Maxim Egorov, während denen die Hilfe an die Obdachlosen gleichzeitig ein politischer Kampf war, schlug Nochlechka zunehmend eine neue Richtung ein, pragmatischer, professioneller, offen für die kommerzielle Welt, von wo man sich auch mögliche wichtige Spender versprach. Diese Richtungsänderung gefällt einigen Ehemaligen der ersten Stunde nicht, sie verlassen zunehmend die NGO.
Parallel dazu werden Aktivitäten zur Sensibilisierung unternommen, damit die St. Petersburger aufhören, die Obdachlosen zu kriminalisieren, damit diese Bürger im Gegenteil Sympathisanten für die Sache werden. Und es funktionniert. Die Sozialmedien werden ebenfalls miteinbezogen.
Die Spenden fliessen, Freiwillige melden sich, Nochlechka modernisiert sich.

Einige Erfolgsdaten
Unter vielen andern finden einige Schlüsselmomente der Entwicklung von Nochlechka besonderen Zuspruch bei ihren Schützlingen.

2017 wird das Empfangszentrum umgebaut, die Mauern werden mit leuchtenden Farben neu gestrichen, die Schlafräume der Männer und Frauen erlauben endlich eine gewisse Privatsphäre, die neuen Sanitäreinrichtungen verdienen diesen Namen auch und eine Bibliothek mit Komputern wird eröffnet.
2016 werden im Hof Duschen installiert und einige Schritte von der NGO entfernt läuft eine Wäscherei.
2019 öffnet die Nachtunterkunft ihre Türen. Pro Nacht finden hier 38 Obdachlose und eine Aufsichtsperson angemessenen Komfort und Sicherheit. Die Unterkunft ist mit zwei Duschen und einer Toilette für Behinderte ausgerüstet sowie einer Waschküche mit drei Waschmaschinen und drei Wäschetrocknern.
Im August 2020 landet Nochlechka in Moskau. Die Installation dieses Empfangszentrums war nicht einfach. Die Sabotage durch die Umgebung und durch gewisse Politiker haben die Eröffnung dieses Zentrums nicht beschleunigt. Dies trotz der Tatsache, dass in der russischen Hauptstadt Hunderttausende obdachlose Sans-Papiers unter unwürdigen Bedingungen überleben.
Nach dem Vorbild von St. Petersburg hat Nochlechka Moskau schrittweise zahlreiche Aktionen auf die Beine gestellt, die für das Überleben der Obdachlosen unerlässlich sind.
Im November 2020 werden in St. Petersburg Duschen für alle eröffnet. Eine Premiere in dieser Stadt. Die Realisierung war äusserst kompliziert, sie bedingte ungefähr sechs Jahre nachhaltige Anstrengungen, um die Hindernisse und schlechten Absichten der Verwaltung zu überwinden und die Finanzierung sicherzustellen.
Im März 2022 wird das Sozialkaffee eingeweiht, wenige Wochen nach der erzwungenen Abreise des Präsidenten von Nochlechka, Grigory Swerdlin (Invasion der Ukraine). Dieses Projekt, das ihm so am Herzen lag, wird trotz des Krieges erfolgreich abgeschlossen.
Im November 2022 öffnet das Empfangszentrum für ältere Obdachlose. Diese soziale Kategorie verlangt besondere Aufmerksamkeit. Aus diesem Grund wussten wir, dass unser Empfangszentrum absolut nicht den notwendigen Anforderungen dieser älterwerdenden Personengruppe, manchmal invalid, entsprach.
Dafür haben wir ad-hoc einen entsprechenden Ort konstruiert, eine andere Premiere in Russland.

Heute, 33 Jahre später, kämpfen die beiden Standorte von Nochlechka mit allen Mitteln dafür, dass ihre vielfältigen Hilfen zukunftssicher sind, dass sie nicht durch den Krieg in der Ukraine und seinen ökonomischen Konsequenzen geschwächt werden, welche auch die NGO betreffen.

In 33 Jahren hat Nochlechka Tausende von Schicksalen gerettet.

Unsere Aufgabe ist immens, helfen Sie uns, Leben zu retten.

Wichtig: trotz der Boykott-Hindernisse gelingt es uns immer, unsere finanzielle Hilfe zu

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