Ein ungewisser Schulbeginn

In Russland ist die Schule für Kinder von Obdachlosen ohne Papiere keine lästige Pflicht. Sie haben nämlich gar keinen Anspruch darauf.
Der Schuljahresbeginn ist gleichbedeutend mit kompletter sozialer Isolation oder mit der Einweisung in ein Waisenhaus oder eine ähnliche Institution.
Trotz der Verfassungsbestimmung vom 10.07.1992 Nr. 3266-1: Der Zugang zu Bildung steht ohne jegliche Einschränkung allen Kindern offen, unabhängig davon, ob sie registriert sind oder nicht, und unabhängig von anderen Faktoren oder Umständen… In Wirklichkeit ist es aber nicht so.

Nicht für alle
Um ein Kind an einer öffentlichen Schule anzumelden, verlangen die Schulleitungen zwingend einen Nachweis über die Wohnsitzregistrierung (migratzjonny utschet für Ausländer, registrazja für russische Staatsbürger). Für Menschen ohne festen Wohnsitz und/oder ohne rechtmässigen Aufenthaltsstatus (propiska) ist es unmöglich, dieses Dokument zu erhalten.

Der 1. September 2026
Für die Mehrheit der Durchschnittseltern bedeutet der diesjährige erste September, der offizielle Tag des Schuljahresbeginns, Den znaniy oder Tag des Wissens, ein Opfer.
Tatsächlich ist im heutigen Russland der Schulbeginn ein wirtschaftliches Problem. Es betrifft sehr viele Eltern und vor allem diejenigen Familien, die nur über sehr beschränkte finanzielle Mittel verfügen. Das sind 20 % der durchschnittlichen Bevölkerung. In einigen Republiken und ländliche Zonen liegen die Anteile lokal sogar bei über 30 % bis 40 %.

Die Einschulung eines Kindes ist sehr teuer geworden. Und einige Statistiken zeigen sogar, dass zahlreiche Familien einzig zu dem Zweck Kredite aufnehmen, um ihre Kinder für die Schule bereitzumachen: Schuluniformen, Schulmaterial, Lehrbücher und alles was, es sonst noch braucht.
Eine weitere Sorge quält gewisse Eltern: der Lehrplan. Seit dem Einmarsch in die Ukraine durchläuft der Lehrplan im Eiltempo eine tiefgreifende ideologische Reform, die mit der Umschreibung der Geschichte und der Verankerung eines Staatspatriotismus einhergeht. Das Ziel ist eine standardisierte nationalistische Doktrin, die auf allen Schulstufen zum Zug kommt.
Das sind Probleme, die weit entfernt sind von den Realitäten, mit denen die obdachlosen Sans-Papiers und ihre Kinder konfrontiert sind.

Auf dem Weg zu einer Verbesserung?
Danil Kramorow, der Leiter von Nochlechka erklärt: …heutzutage sieht es so aus, als habe sich die Situation der Kinder von Obdachlosen ohne Papiere in den letzten 15 Jahren beträchtlich verbessert. Ich habe den Eindruck, dass der Staat den sichtbaren Fällen von obdachlosen Kindern grosse Aufmerksamkeit schenkt und sich bemüht, sie so schnell wie möglich in Heimen, Waisenhäusern und anderen Einrichtungen zu platzieren. Ich würde sagen, dass das Phänomen der obdachlosen Kinder in Russland derzeit praktisch nicht mehr existiert.

Die Unsichtbaren
Dasselbe kann man in Moskau feststellen. Die Leiterin von Nochlechka Moskau, Alena Mordosova versucht eine mögliche Erklärung: Sie besteht in dem, was man als unsichtbare Obdachlosigkeit bezeichnen könnte. Obdachlose Frauen mit Kindern können eine temporäre Unterkunft bei Verwandten, Freunden oder Bekannten finden. Oder sie sind ganz einfach weniger dazu bereit, Hilfsangebote wie die unseren in Anspruch zu nehmen. Es handelt sich allerdings nur um eine Hypothese, denn wir verfügen nicht über genügend Daten, um eindeutige Schlüsse zu ziehen.

Wachsam bleiben
In den sechs Jahren, in denen wir unsere Projekte für Direkthilfe in Moskau durchführen, sind wir nur auf eine Handvoll Fälle gestossen, bei denen Kinder betroffen waren, fügt Alena an. In diesen konkreten Fällen brauchten die Familien kurzfristige Unterstützung. Wir konnten ihnen dabei helfen, schnell von der Strasse wegzukommen.
Angesichts unserer Erfahrungen ist jedoch Vorsicht geboten, wenn es um Verallgemeinerungen hinsichtlich des Zugangs zur Schule oder zur Gesundheitsversorgung von Kindern obdachloser Eltern geht. Wir begegnen in unseren Einrichtungen einfach nicht genügend solcher Familien, um uns ein repräsentatives Bild der Situation zu machen.

Sowohl in Moskau als auch in Sankt Petersburg ist es unser Hauptziel, obdachlose Sans-Papiers von der Strasse zu holen und ihnen neue Lebensperspektiven zu verschaffen.

Danke, dass Sie uns weiterhin unterstützen. Unsere Aufgabe ist riesig. Wir retten Menschenleben.

Wichtig: Trotz der Boykottmassnahmen führen wir unsere finanzielle Hilfe weiter.