Zwangsarbeit

Schon seit mehreren Nächten erschien Pawel nicht mehr zur Essensausgabe. Was ist ihm wohl passiert? Wir machten uns Sorgen, denn Pawel ist ein treuer “Kunde”. War er krank? Oder war er gestorben? Seine Leidensgenossen wussten nichts. Pawel hatte sich in Luft aufgelöst.

Betrug
Eines Abends war Pawel wieder da und erzählte uns folgendes:
Ihr könnt euch nicht vorstellen, was mir passiert ist. Ein falscher Bus fährt vor eurem Bus vor und bringt Brot, Wasser und sogar Stellenangebote mit. Ich habe ihnen geglaubt und bin mitgegangen. Auch andere Obdachlose kamen mit.
Wir landeten auf einer riesigen Baustelle einige Stunden von Sankt Petersburg entfernt. Dort wurden wir streng bewacht. Die Baustelle war von einem hohen Stacheldrahtzaun umgeben, bewaffnete Männer mit Hunden patrouillierten Tag und Nacht, Scheinwerfer beleuchteten das Gelände. Ein richtiges Konzentrationslager.
Wir arbeiteten an die 15 Stunden pro Tag, erhielten eine kümmerliche Mahlzeit und wurden natürlich nicht bezahlt. Die Männer, die krank wurden, sah man nie wieder.
Ich konnte entwischen, indem ich mich in einem Lastwagen versteckte, der Erde abtransportierte.

Versklavung
Die Jagd auf Arbeitskräfte, die nach Belieben ausgebeutet werden können, ist eine recht alte Praxis. Sie wird wesentlich dadurch vereinfacht, dass diese Sklaven der Moderne keine amtliche Identität haben. Sie existieren einfach nicht. Und fast niemand wird sich über ihr Fehlen, ihr Verschwinden aufregen.
Die Behörden verschliessen in der Regel die Augen davor, oder machen noch Schlimmeres.
Im Juli 2023 wurde eine parlamentarische Initiative ins Leben gerufen, um die Versklavung zu legalisieren. Ihr Slogan: Obdachlose ohne Identitätspapiere sollen an Orte intensiver Arbeit geschickt werden, um ihnen eine lebenswichtige Unterstützung zu bieten. Das Vorhaben wurde schliesslich abgelehnt, aber die Praxis bleibt bestehen a Mehr erfahren. Lesen Sie den Artikel.
Alle Mittel sind recht, um Obdachlose zu rekrutieren, die zu allem bereit sind, um ihrem Elend zu entkommen.
Am Bahnhof setzt sich ein junges Mädchen zu ihnen und sagt, sie wolle nicht allein trinken und lädt sie dazu ein, mit ihr zu trinken. Nach zwei Gläsern wird der Obdachlose bewusstlos und wacht weit weg von allem in einem Arbeitslager wieder auf.

Hinterlistig
Genau das ist mir passiert, erzählt Sascha. Sie haben mich reingelegt mit der hübschen jungen Frau. Sie lächelte freundlich und war grosszügig. Man hat Corvalol in den Wein gemischt (ein bekanntes Medikament in osteuropäischen Ländern, das oft als leichtes Beruhigungsmittel oder zur Behandlung von Bluthochdruck benutzt wird).
Ich wachte in einer riesigen Halle auf, auf einer der vielen Strohmatten, die auf dem Betonboden herumlagen. Draussen hatte es Kartoffelfelder, soweit das Auge reichte. Wir waren in der Gegend von Kursk.
Nach den anstrengenden Arbeitstagen nahmen sie uns die Schuhe weg, damit wir nicht fliehen konnten. Diejenigen, die es trotzdem versuchten, wurden brutal geschlagen.
Zu Beginn des letzten Herbstes nutzte ich die Invasion der ukrainischen Streitkräfte auf diesem Gebiet und das dort entstandene Chaos, um zu fliehen. Ich schlich mich in einen der Busse, die zur Evakuierung der Bevölkerung zur Verfügung gestellt wurden, und landete schliesslich in Moskau.

Aufklären
Am 30. Juli, dem Internationalen Tag gegen den Menschenhandel, starteten wir erneut eine Informationskampagne.
Wir warnten die Obdachlosen ohne Papiere vor den Risiken, die sie eingehen, wenn sie den vollmundigen Versprechen der Schlepper folgen. Sie sollen den verlockenden Kleinanzeigen, die in der Nähe von Bahnhöfen ausgehängt sind, keinen Glauben schenken und sich vor den “selbstlosen” Frauen hüten wie vor der Pest.
Dies umso mehr, als heutzutage Obdachlose nicht nur Opfer skrupelloser Arbeitgeber sind, die sie nach Belieben ausbeuten können. Auch die Armee ist auf der Suche nach Freiwilligen, die bereit sind, in vorderster Front für die Heimat zu sterben. A Mehr erfahren.

Unsere Aufgabe ist riesig. Helfen Sie uns, den Obdachlosen wieder Hoffnung zu schenken.

Wichtig: Trotz der Boykottmassnahmen führen wir unsere finanzielle Hilfe weiter.

 

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