Vera, die Überlebende

Vielleicht wäre es besser gewesen, wenn ich dortgeblieben wäre, überlegt Vera. Sie ist 84 Jahre alt und eine Überlebende der Belagerung von Leningrad. Sie wurde in den Trümmern eines Wohnhauses geboren.
Im vergangenen Mai (am 9. Mai 2026) gab die Regierung am Fernsehen anlässlich der Gedenkfeiern zum Tag des Sieges bekannt, dass alle Überlebenden der Belagerung Wohnungen erhalten hätten.
Wer’s glaubt, ruft Vera aus, die wir im Zentrum von Nochlechka für ältere Obdachlose angetroffen haben. Ich bin im 2. Grad behindert und kann mich nur mit grossen Schwierigkeiten fortbewegen. Seit mehreren Jahren versuche ich mich für eine Wohnung anzumelden, auf die ich von Gesetzes wegen Anspruch habe.
Das Gericht wies meinen Antrag ab mit der Begründung, dass dies ohne eine Wohnsitzberechtigung (Propiska) unmöglich sei. Diese Propiska verweigerte man mir ebenfalls.

Es ist lange her
Ich erinnere mich daran, wie wenn es gestern gewesen wäre: Die Sirenen heulten, ich ging die Treppe runter. Überall waren Menschen, einige lagen da, andere sassen. Alle tot.
Meine Mutter starb bei Beginn der Belagerung. Mein Vater arbeitete in der Fabrik Putilow, mein Bruder und ich waren bei unserer Grossmutter. Vater starb bei Kriegsende an einem Herzinfarkt. Als die Belagerung aufgehoben wurde, steckte man meinen Bruder gleich in ein Waisenhaus. Meine Grossmutter und ich wurden in die Region von Archangelsk geschickt.
Ich wuchs bei meiner Grossmutter auf. Von meinem Bruder hörte ich nie wieder etwas. Als Jugendliche – in der Kolchose gab es nicht viel zu tun – fuhren einige Mädchen, darunter auch ich, mit dem Komsomol nach Georgien. Dort arbeitete ich in einer Flugzeugfabrik.
Ich traf dort einen Georgier, Giorgi. Wir hatten einen Sohn, Irakli, und lebten glücklich. Mein Mann starb, als unser Sohn dreizehn Jahre alt war.

Der grosse Umsturz
Die Perestroika begann. Als Russen wurden wir in Georgien verfolgt und mussten wegziehen. Wir kehrten 1994 nach Leningrad zurück. Ich spreche immer noch von Leningrad, obwohl die Stadt ja heute Sankt Petersburg heisst.
Als die Sowjetunion zusammenbrach, begann ich alles Mögliche zu verkaufen, Waren, die ich auf der Strasse anpries. Ich stand täglich um sechs Uhr auf, ging um sieben Uhr aus dem Haus und arbeitete bis am Abend. Die Züge aus der Ukraine und aus Belarus kamen im Witebsker Bahnhof an. Die Leute stiegen aus und öffneten direkt auf dem Bahnsteig ihre Taschen, aus denen Käse, Würste und Quark zum Verkauf angeboten wurden. Trotz meiner Behinderung, ich war im Rollstuhl, konnte ich mich einigermassen über Wasser halten.
Und doch wurde alles immer schlimmer für mich. Man wies meinen Pass ab. Wo ich auch hinging, ich wurde ständig schikaniert. Mein Pass war ein altes sowjetisches Dokument und ich hatte eine georgische Aufenthaltsgenehmigung. Ich schlug mich mit diesen Papieren durch wie ein Flüchtling. Wegen der Aufenthaltsgenehmigung wollte man mich nirgends einstellen, ich konnte gerade noch unter der Hand ein kleines Zimmer mieten.

Staatenlos für lange Zeit
Stellen Sie sich vor: Ich war 22 und hatte keine offizielle Identität. Erst seit Nochlechka sich um mich gekümmert hat, werde ich als vollwertige Bürgerin angesehen. Die Anwälte von Nochlechka mussten drei Jahre lang einen erbitterten juristischen und administrativen Kampf führen.
Jetzt kämpfen sie dafür, dass ich nachträglich noch meine Rente erhalte.
Hätte ich das Verfahren alleine durchgeführt, wäre ich immer noch staatenlos.
Die Beamten tun alles, damit sich nichts ändert. Stellen Sie sich vor: Ich habe zwar alle Dokumente, die belegen, dass ich eine Überlebende der Belagerung bin. Trotzdem lehnten sie ab. Sie verlangten von mir Dokumente, die beweisen sollten, dass ich nicht eine Rente in Georgien beziehe. Aber dort gibt es nichts mehr, es ist ein anderes Land. Als ob sie das nicht wüssten.
Am Gericht machten mir alle Vorwürfe, sie schrien mich an. Ohne Nochlechka hätte dieser Alptraum bis zu meinem Tod gedauert.

Ohne Ihre finanzielle Unterstützung könnten wir unsere humanitären Aktionen nicht weiterführen.
Unsere Aufgabe ist riesig. Helfen Sie uns, mehr Menschlichkeit zu schaffen.

Wichtig: Trotz der Boykottmassnahmen ist es uns immer noch möglich, ihre Spenden weiterzuleiten.