Sie können nichts dafür

Ich spüre nichts, mein Bein spührt die Bisse der Kälte nicht, wispert Sascha, obdachloser Sans-Papier, in einem Haufen bräunlichem Schnee und Schlamm liegend, der die Haltestelle des Nachtbuses umgibt.
Die Obdachlosigkeit ist am 24. Februar nicht auf wundersame Weise verschwunden.
Die grausamen aktuellen Ereignisse verbessern das Schicksal der Obdachlosen nicht, ganz im Gegenteil.
Es ist der 30. März 2022, der Winter regiert immer noch in St. Petersburg.

Trauriger Geburtstag
Am 3. März feiert die Obdachlosigkeit ihren Tag, ein vor vielen Jahren durch Nochlechka eingeführter Geburtstag, eine Massnahme, um die Bevölkerung auf diese soziale Tatsache zu sensibilisieren.
Zu diesem Anlass ist in St. Petersburg eine Fotoausstellung eröffnet worden und das Magazin Spasiba führt eine Kleidersammlung durch. Die Medien ihrerseits rufen die traurige Realität der Obdachlosigkeit in Erinnerung.
Sascha ist eine ungeschminkte Illustration dieser unwürdigen Realität, mit der die Zehntausenden von Personen wie er Tag für Tag konfrontiert sind, von der Stadtverwaltung vergessen.

Düstere Zukunft
Gemäss Grigory Swerdlin zieht jede politische und ökonomische Krise eine Zunahme der Anzahl Obdachloser nach sich: die Leute verlieren ihre Stelle, ihre Wohnung, ihre Propiska und landen auf der Strasse.
Im Übrigen bereitet sich Nochlechka bereits auf eine erhöhte Arbeitsbelastung vor.
Eine Herausfordernung, dies umso mehr als die finanzielle Unterstützung der NGO abzunehmen droht, die Liquidität schwindet und die Preise für die Dienstleistungen, das Essen sowie die Medikamente steigen.

Posten, die für die Hilfe, die Nochlechka täglich erbringt, unabdingbar sind.
Angesichts der vom Westen verhängten Wirtschaftssanktionen ist es umso wichtiger, die russischen obdachlosen Sans-Papiers, kollaterale Opfer des Konflikts, für den sie nichts können, zu unterstützen.

Langsame Verschlechterung
Igor Antonov, ehemaliger Fahrer des Nachtbuses und heute Psychologe bei der Sozial-Patrouille, ruft uns in Erinnerung, weshalb sich der Obdachlose nicht mehr so verhält wie jedermann.
Die Strasse bricht die Leute nicht, sagt Igor, aber sie deformiert sie. Und es ist nicht etwa so, dass der Obdachlose eine grössere physische Widerstandskraft entwickelt, die ihn stärker macht. Ganz im Gegenteil, die Strasse schwächt den Betroffenen unerbittlich.
Zudem ändert das strukturelle System der Person mit der Zeit, ihre Parameter des Zumutbaren sind nicht mehr diejenigen von Ihnen und mir.
Das Verständnis der gesellschaftlichen Norm ist unter den Obdachlosen nicht gleich wie unter dem Durchschnittsbürger.
Deshalb ist es für uns so schwierig, eine gemeinsame Sprache mit den Obdachlosen zu finden, fügt Igor noch an.
Eine andere Sprache
Andrei Schapaev, Direktor der humanitären Operationen von Nochlechka, stimmt dem nur zu: wenn wir versuchen, jemandem mit einer langen Überlebenserfahrung auf der Strasse unsere Hilfe anzubieten, müssen wir lernen, seine Sprache zu sprechen, müssen versuchen, uns in ihn hineinzuversetzen.
Wir haben zum Beispiel einmal Georg gesehen, den Körper halb von einem Abfalleimer verschluckt. Georg suchte dort drin sein Essen. Georg wurde wütend, dass wir ihn bei seiner Suche stoppten. Im ersten Moment hat er geglaubt, wir wollten sein Essen stehlen. Wir mussten ihm alles ausführlich erklären, damit er mit uns zum Nachtbus kam, wo er seine Mahlzeit erhielt.

Das Gesetz des Überlebens
Igor Antonov ergänzt: oft verweigert ein Obdachloser das Gespräch mit einem andern, weil er ihn als potentielle Gefahr betrachtet. Der Fremde, auch wenn er selbst obdachlos ist, ist a priori ein Feind.
Für diese Zehntausende von ausgeschlossenen Menschen löst die Aussenwelt eine immense Furcht aus.
Auch wenn es unter ihnen oft gegenseitige Hilfe gibt, geht selbst in diesem Moment das Gesetz des Überlebens vor, der skrupellosen Schlauheit.
Ganz am Anfang steht unsere Aufgabe, ihnen ein Minimum an Vertrauen und der Öffnung zurück zu geben, damit sie uns zuhören, verstehen, dass wir da sind, um ihnen zu helfen.

Wenn Sie die Möglichkeit haben, uns zu helfen, in diesem Moment, ist dies uns sehr, sehr hilfreich.
Herzlichen Dank.

 

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