Olga wurde in Leningrad geboren. Fünfzehn Jahre verbrachte sie mit harter Arbeit im Werk “Rotes Dreieck”, einem der grössten Hersteller von synthetischem Kautschuk in der UdSSR. Olga arbeitete am Fliessband für Gummistiefel.
In der UdSSR konzentrierte sich die Produktion solcher Schuhe auf riesige Industriekomplexe. Die rein zu praktischem Zwecken konzipierten Galoschen wurden mithilfe von Gussformen aus vulkanisiertem Kautschuk hergestellt und in Serie produziert, um die Quoten der Fünfjahrespläne zu erfüllen. Ich wünsche niemandem, am Fliessband zu arbeiten. Das ist eine sehr anstrengende Arbeit, sagt uns Olga. Wir waren starken chemischen Dämpfen ausgesetzt. Noch bevor wir die Kautschukmasse erhielten, arbeiteten wir mit Polymeren (rohen, natürlichen oder aber synthetischen Elastomeren), die mit pulverförmigen Zusatzstoffen vermischt waren, eine Schweinerei.
Eine vergiftete Umgebung
In einer solchen Atmosphäre ist der Alltag der Arbeiter unglaublich anstrengend. Olga verletzt sich und wird versetzt. Sie wird Putzfrau und arbeitet in der Garderobe.
Sie steht auf der Warteliste für eine Sozialwohnung. Schon seit mehreren Monaten hofft sie auf eine Wohnung. Vorläufig schläft sie im Schlafsaal neben der Fabrik.
In jedem der raren freien Momente fahre ich zwischen Russland und Weissrussland hin und her, denn meine Familie lebt in Dubrowna, fügt Olga an.
Wir sind im Jahr 1986. Die Perestroika bricht an. 1991 schliesst die Fabrik ihre Tore. Olga beschliesst, in ihr Heimatland und in ihr Elternhaus zurückzukehren. Sie kann aber dort nicht einmal zwei Tage bleiben, dann wird sie wegen ihres sowjetischen Passes ausgewiesen. Die Zeiten ändern sich. Der Pass ist nicht mehr gültig.
Im Gefängnis und dann auf der Strasse
Das hält Olga aber nicht zurück. Sie versucht es wieder und wird schliesslich verhaftet. Drei Jahre verbringt sie in einem Ausschaffungsgefängnis in der Gegend von Smolensk. Nach ihrer Entlassung macht sich Olga auf den Weg nach Moskau. Dort angekommen, realisiert sie, dass sie niemanden kennt, und sie muss fortan auf der Strasse überleben. Die Monate vergehen und mit dem Wechsel der Jahreszeit verschlechtert sich ihr Gesundheitszustand. Das ist im März 2022.
Eines Abends am Leningrader Bahnhof rät ihr ein Obdachloser, sich an die Migrationshilfe zu wenden. Aber da sie keine Propiska hat, verweisen sie die Behörden an Nochlechka.
Zu diesem Zeitpunkt gibt es in Moskau noch keine Einrichtungen zur Aufnahme von Obdachlosen. Nochlechka kauft ihr ein Billett und setzt sie in den Zug nach Sankt Petersburg, wo sie im Aufnahmezentrum Borowaja empfangen und aufgenommen wird.
Ein langer Weg durch die Bürokratie
Zuerst haben wir sie wieder auf die Beine gebracht, erklärt Jekaterina Makarowa, unsere Arbeitsvermittlerin und Sozialarbeiterin. Olga litt unter anderem an schweren Lungenproblemen. Wir haben uns auch darum gekümmert, ihr wieder eine administrative Identität zu verschaffen. Als Olga zu uns kam, hatte sie bloss einen winzigen Rucksack, ein paar spärliche Kleidungsstücke, das war alles. Keine Spur von Ausweispapieren.
Unsere Anwälte mussten viel Geduld aufbringen, um in den Personalarchiven des “Roten Dreiecks” nach der Geburtsurkunde von Olga zu suchen.
Zwei Jahre lang haben sie sich darum bemüht. Heute ist Olga eine russische Staatsbürgerin wie Sie und ich. Bald erhält sie ihre Altersrente, erklärt Jekatarina Makarowa weiter.
Ein schönes Heim
Ende 2023 schlagen wir Olga vor, in unser Heim für ältere obdachlose Menschen ohne Papiere zu ziehen. Das ist ein Ort, der für sie deutlich besser geeignet ist. Sie muss nicht mehr die steilen Treppen in unserem Aufnahmezentrum hinaufsteigen. Dort, in der Nähe des Dorfes Siwerski, kann Olga ruhig auf den Bezug ihrer Rente warten und später auch auf einem Platz in einem staatlichen Altersheim.
Alexandra Sandomirskaja, unsere Psychologin, hat Olga lange unterstützt und ihr dabei geholfen, ihre zahlreichen Traumata zu überwinden und gelassen in die Zukunft zu blicken, fügt Jekaterina Makarowa hinzu.
Herzlichen Dank für Ihr Vertrauen. Bitte unterstützen Sie weiterhin unsere Arbeit. Sie rettet Menschenleben.
Wichtig: Trotz der Boykottmassnahmen können wir unsere finanzielle Hilfe weiterführen. Sie ist heute notwendiger denn je.