Obdachlose Frauen

Schon seit vielen Jahren untersuchen meine Kolleginnen und ich die Obdachlosigkeit von Frauen. Bis heute beschäftigt mich der Gedanke, dass wir noch sehr wenig über die Lebensumstände dieser notleidenden Frauen wissen, erklärt Daria Baibakowa, unsere Direktorin von Nochlechka in Moskau. Seit ihrem Stellenantritt anfangs Mai 2018 hat Daria Baibakowa Nochlechka dazu gebracht, die Bedürfnisse obdachloser Frauen als etwas ganz Spezifisches zu betrachten.

Kennenlernen, um zu helfen
Ein wirklich effizientes Unterstützungssystem lässt sich nur dann umsetzen, wenn wir den Stimmen unserer Zielgruppe Gehör schenken, wenn wir fähig sind, die Probleme, denen diese Frauen ausgesetzt sind, zu begreifen und ihre dringendsten Bedürfnisse zu kennen. Heute verstehen wir die obdachlosen Frauen, die sich an uns wenden, immer besser. Aber wir habe praktisch keine Möglichkeit, jene zu erreichen, die Hilfe brauchen und mit ihren Schwierigkeiten allein sind, fährt Daria fort.
Der Fall von Walja ist ein Beispiel dafür.

Der Absturz
Die etwa vierzigjährige Walja wohnte in Charkiv. Sie gibt vor, dort als Gynäkologin und Geburtshelferin gearbeitet zu haben. Als sie vor ungefähr fünf Jahren in Moskau ankam, landete sie gleich auf der Strasse.
Ich kam mit sehr wenig Geld in der Hauptstadt an und vor allem ohne gültige Papiere. Ich hatte keine Propiska, erzählt Walja. Ich habe versucht, schwarz zu arbeiten. Ich arbeitete als Putzfrau auf “Subunternehmerbasis” für einen amtlichen Hausmeister. Ich hatte Zugang zum Untergeschoss eines Wohnhauses, wo ich Trinkwasser beziehen und die Handys aller Bewohner des Quartiers aufladen konnte. Das brachte mir etwas Geld ein. Das grosse Problem als obdachlose Frau ist, dass man ständig sexuell belästigt wird.
Damit diese andauernden Belästigungen aufhörten, musste ich mich mit Sascha zusammentun, der ebenfalls ein obdachloser Sans-Papier war. Er wurde zu meinem Beschützer. Das war aber kein Leben, ich wurde von Sascha misshandelt, aber wagte es nicht, Hilfe zu holen. Ich schämte mich zu sehr. Erst als mein Zustand sich wirklich verschlimmerte, wandte ich mich endlich an Nochlechka.

Die Schande
Darin besteht genau das Problem, sagt Daria Baibakowa. Das grösste Hindernis bei der Suche nach Unterstützung für obdachlose Frauen ist die Stigmatisierung, welche unsere Gesellschaft immer noch auf diese Frauen ausübt. Die Belastung, die das gesellschaftliche Bild der perfekten Frau bei ihnen auslöst, und die verschiedenen Formen von sexistischer Gewalt verstärken ihre Hilflosigkeit.
Zu dieser Not kommt hinzu, dass sie sich nicht auf einen echten sozialen Schutz verlassen können, vor allem, wenn sie keine gültigen Ausweispapiere haben.

Besser verstehen
Heute publizieren wir eine Studie zur Obdachlosigkeit bei Frauen, fährt Daria fort. Auf unsere Anfrage hin wurde sie von der Gruppe Artel für angewandte Anthropologie durchgeführt. Wir wollten die Lebenswege, die Frauen in verletzliche Situationen bringen, besser erkennen, die Strategien erfassen, die es ihnen ermöglichen würden, Obdachlosigkeit zu vermeiden und verstehen, warum sie sich nicht häufiger an Hilfsorganisationen wenden.
Hier einige Erkenntnisse, die mir besonders wichtig erscheinen:

1-Frauen sind grösseren Risiken ausgesetzt bei Übergangsphasen in ihrem Leben. Zum Beispiel bei Eintritt in die Universität und beim Verlassen des Elternhauses, bei Studienabschluss und bei der Erlangung der Selbständigkeit, zu Beginn und am Ende einer Liebesbeziehung, bei der Geburt eines Kindes und bei der Pflege von Angehörigen.

2-Die Frauen bezeichnen sich sehr selten als obdachlos (aus Gründen der damit verbundenen Stigmatisierung), selbst wenn sie es sind. Sie machen vielleicht Witze darüber, aber sie nehmen ihre Situation fast nie ernst.

3-Viele Frauen erkennen ihre Krisensituation erst im Nachhinein, wenn sie wieder eine gewisse Stabilität erlangt haben und die vergangenen Erfahrungen ihnen als instabil und gefährlich erscheinen.

4-Zu den Überlebensstrategien von Frauen, die ihre Wohnung verloren haben oder mittellos sind, gehört häufig die Suche nach einem gewieften Partner, was in englischsprachigen Studien “Überlebenssex” genannt wird. Das sind Fälle, in denen sich eine Frau zu einer Beziehung gezwungen sieht, um ihr Leben und ihre Gesundheit zu schützen, auch wenn diese Beziehung ihrem Wesen nach gefährlich ist.

5-Die Frauen weigern sich oft, Unterstützungsorganisationen um Hilfe zu bitten, da sie denken, dass sie im Gegenzug ihre Probleme offenlegen müssen und ihre Lebenskrise dadurch sichtbar wird. Oder sie finden, ihre Notlage sei nicht so gross, oder, im Gegenteil, ihre Probleme seien zu schwerwiegend. Sie glauben auch, dass andere Personen in einer schlimmeren Lage seien und eher Hilfe benötigten.

Wir tun unser Möglichstes, um ihnen zu helfen und Leben zu retten. Unsere Aufgabe ist riesig. Unterstützen Sie uns.

Wichtig: Trotz der Boykottmassnahmen können wir unsere finanzielle Hilfe weiterführen.