Daria Baibakowa

2’674 Tote, jetzt reichts! 2’674 Obdachlose sind letztes Jahr auf den Strassen der Hauptstadt gestorben, jetzt reichts, sagt Daria Baibakowa, Direktorin von Nochlechka Moskau.
Daria Baibakowa spricht mit uns über die Haltung der Moskauer gegenüber den Obdachlosen, sie erklärt uns auch, wo man mit der Implementierung von Nochlechka in dieser Metropole ist.

Ein ungewöhnlicher Weg
Heute an der Spitze einer Nichtregierungs-Organisation, arbeitete Daria Baibakowa bis vor kurzem im Finanzbereich.
In der Tat habe ich während zehn Jahren als Finanzauditorin in den Big Four (grosse internationale Beratungs- und Auditfirmen) gearbeitet. An einem gewissen Punkt wurde ich der Finanzverwaltung überdrüssig. Ich habe gelernt, wie gewisse Firmen organisiert sind, ich finde aber, dass diese Kenntnisse in einer kritischen Situation niemandem helfen, der in Not ist.
Daria denkt an ihre an Krebs verstorbene Grossmutter. Trotz ihrer umfangreichen Finanzkompetenzen konnte Daria nichts tun, um sie zu retten. Das war der Auslöser.

Der Auslöser
Parallel zur Arbeit bei den Big Four habe ich mich als Freiwillige im Programm «Grosse Brüder und grosse Schwestern» engagiert. Ich habe gelernt, wie gemeinnützige Organisationen organisiert sind und habe entschieden, dass dies mein Arbeitsgebiet sein wird.
Zu diesem Zeitpunkt habe ich vernommen, dass Nochlechka in Moskau eine neue Niederlassung eröffnen will und einen Direktor sucht.
Ihr Ziel ist mein Ziel: die obdachlosen Sans-Papiers als Gleichberechtigte zu behandeln und ihnen effizient zu helfen.
Das Wissen, dass diese Personenkategorie systematisch stigmatisiert wird, hat mich zusätzlich ermutigt, mich um die Stelle zu bewerben.

Geld fliesst reichlich für gewisse, ungeachtet davon leben und sterben heute und in Zukunft Tausende auf unseren Strassen.

Man fliegt ins Weltall und für sie nichts !
Jedesmal, wenn ich Kommentare lese oder höre, die sich gegen die Hilfe für Obdachlose richten, kann ich dies nicht akzeptieren. In unserer Epoche reisen wir zum Mars, künstliche Intelligenz überall, Geld fliesst reichlich für gewisse, ungeachtet davon leben und sterben heute und in Zukunft Tausende auf den Strassen unserer Grossstädte, sie haben weder Zugang zu Trinkwasser noch eine Unterkunft für die Nacht, nirgends können sie sich pflegen lassen. Sie existieren nicht für unsere Verwaltung, dies ist skandalös.

Erzwungener Individualismus
In Moskau wurde das Thema der Hilfe für die Obdachlosen von den Medien kaum je erwähnt.
Während Nochlechka in St. Peterburg regelmässig soziale Publizitätskampagnien organisiert, machen die verschiedenen Organisationen hier gegen die Obdachlosigkeit nichts.
Die Mehrzahl der diesbezüglichen moskauer Hilfsorganisationen sind religiös, hauptsächlich orthodox, sie leisten viel, lenken aber nie die Aufmerksamkeit auf das Problem.
Und wie dies häufig der Fall ist, wenn Leute nichts wissen, haben sie eine unerklärbare Angst und entwickeln krankhafte Fantasien, kommentiert Daria Baibakowa perplex.

Die Antworten auf humanitäre Notfälle treffen mehrheitlich auf Zustimmung, solange nichts dergleichen bei uns passiert.

Eine langfristige Aufgabe
Um das moskauer Empfangszentrum aufzubauen, haben wir die ersten sechs Monate ausschliesslich dutzende Briefe an eine Vielzahl von Beamten geschrieben. Wir haben nur Absagen erhalten mit der Begründung, dass in Moskau dank der staatlichen Hilfe für die Obdachlosen alles in guter Ordnung ist. Aus diesem Grund ist auch kein neues Projekt dafür nötig.
Dies ist natürlich nicht der Fall, es genügt, entlang dem Boulevard Chistoprudny zu gehen oder sich ins Quartier der drei Bahnhöfe zu gehen. Es wurde uns klar, dass unser Projekt eine langwierige Herausforderung ist.
Wir haben keine Mühe gescheut, haben über achtzig Optionen geprüft und rund fünfzig Industriezonen durchkämmt mit der Frage, ob Räume zu mieten seien.
Wir haben im Quartier Begowoy Lokalitäten gefunden.

Bringt eure Obdachlosen her und erschiesst sie!
Wir haben die Quartierbewohner zu einer Versammlung eingeladen. Es war nicht einfach, zum grossen Teil wegen der Präsenz von Aktivisten des Quartiers Lefortowo. Auch wenn sie überhaupt nicht betroffen waren, haben sie ihren Hass über das Projekt verbreitet.
Unter der Fühung zweier Gemeindeabgeordneter, Alexandra Andreewa aus dem Quartier Lefortowo (das nichts mit dem Quartier Begowoy zu tun hat, die aber für ihre giftigen Äusserungen über die Obdachlosen bekannt ist) und Zoya Andrianowa, wurde die Menge aufgefordert, die Zusammenkunft zu verlassen. Es war ein Misserfolg.

Wir sind hartnäckig
Trotz dieser Feindseligkeiten haben wir entschieden, mit dem gefundenen Standort weiterzufahren. Zur Zeit sind wir dabei, die Räume zu beziehen.
Die Eröffnung ist für Mitte März geplant.
Ich hoffe, die Anwohner werden die Problematik der Obdachlosen besser verstehen, wenn sie sehen, dass das Zentrum und dessen Bewohner keine Belästigungen verursachen und dass sie ein anderes Image der obdachlosen Sans-Papiers haben werden.
Sie müssen eingestehen, dass der Schutz dieser Leute mehr Wert ist als die Zahl der Toten zu ermitteln, schliesst Daria Baibakowa.

Unsere Aufgabe ist immens, unterstützen Sie uns, Sie retten Leben.

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