Leben retten

Heute sind es acht Jahre her, seit ich Leiterin von Nochlechka Moskau geworden bin, erklärt Daria Baibakowa. Acht wunderbare Jahre. Ich würde daran nichts ändern wollen. Ich wünschte mir einzig, wir könnten noch mehr erreichen. Ich schätze mich immer noch sehr glücklich, diesen Job zu haben und vor allem, dieses Abenteuer mit meinen grossartigen Kolleginnen und Kollegen teilen zu können.

Nichts ändert sich
Daria spricht über die Obdachlosigkeit, die immer noch überaus präsent ist, und darüber, dass sich die Gesetzgebung die Sans-Papiers betreffend nie wirklich weiterentwickelt hat. Immer noch ist es sehr oft so, dass man auf der Strasse landet, wenn man keine Propiska hat. Und dass sich wegen des Kriegs in der Ukraine indirekt die Zahl der Obdachlosen erhöht.
Die Geschichte von Alexander Alimow ist ein typisches Beispiel dafür.

Ein stark schrumpfender Markt
In Russland hat der Verkauf von Neuwagen im Februar und März 2025 im Vergleich zum Vorjahr um 26 % abgenommen. Angesichts dieser Krise steigen die lokalen Hersteller in grossem Stil auf die Viertagewoche um und führen Zwangsferien und Entlassungen durch.
Alexander oder Sascha, wie er von allen genannt wird, arbeitete in einer Fabrik von AwtoWAS (Lada) in Toljatti in der Region von Samara. Bis Ende 2025 ist die Gesamtproduktion von Lada auf 40 % eingebrochen. Sie sank auf 274’000 Fahrzeuge. Die Verkäufe verzeichneten einen Rückgang von 25 %. Infolge dieser schlechten Ergebnisse verloren zahlreiche Arbeiter ihre Stelle. Sascha war einer der Entlassenen.
Er kam nach Moskau in der Hoffnung, hier Arbeit zu finden. Aber mit dem Ortswechsel verlor er seine Propiska und damit das Recht, legal zu arbeiten. Er wurde sehr schnell obdachlos.

Die Hauptstadt, eine Falle
Die Arbeitslosen glauben, dass es in Moskau mehr Arbeitsmöglichkeiten gibt, sagt Daria. In der Theorie stimmt es. Sie sagen, wenn es auf dieser Baustelle nicht klappt, dann klappt es woanders. Also beginnen sie in der riesigen, ihnen unbekannten Stadt umherzuziehen. Tagsüber verdrängen sie ihre Gedanken und suchen irgendwo nach Arbeit, und wenn es dann Abend wird, wird ihnen klar, dass sie nirgendwo hingehen können. Die einzigen Orte, an denen sie Zuflucht finden können, sind Bahnhöfe, verlassene Baustellen, Hauseingänge oder irgendein anderer Ort, der vage an einen Unterschlupf erinnert. Als Sascha zu Nochlechka kam, wollte er uns unbedingt zeigen, wo er schlief. Er hatte eine kleine Brücke über einer Schlucht entdeckt. Wenn es regnete, verwandelte sich sein Schlafplatz in eine Badewanne.
Das Tragische an der Situation der Obdachlosen ohne Papiere ist, dass es keinen Ort gibt, an dem sie Aufnahme finden, sagt Daria Baibakowa weiter.

Kein Ort, an dem sie Schutz finden können
In Moskau stehen die staatlichen Obdachlosenunterkünfte nur Einheimischen offen, das heisst Menschen, in deren Inlandpass Moskau als letzte gemeldete Adresse vermerkt ist. Diese Personen machen nur 14 % aller Obdachlosen in Moskau aus. In der Stadt gibt es jedoch Zehntausende, vielleicht sogar mehr als hunderttausend Obdachlose.
In Russland führen die vom Staat gewollte Nichtbeachtung der Obdachlosigkeit und das Desinteresse an den negativen Folgen der Wohnsitzregistrierung (Propiska) dazu, dass es fast keine Einrichtungen gibt, die obdachlose Menschen ohne gültige Papiere aufnehmen.
Aufgrund dieser Tatsache eröffnete Nochlechka vor 36 Jahren ein Aufnahmezentrum in Sankt Petersburg und vor fast sechs Jahren eines in Moskau.

55 % Erfolgsquote
Unser Ziel besteht darin, den Menschen die Rückkehr in ein normales Leben zu ermöglichen. Wir sind eine kleine Organisation und können unmöglich alle obdachlosen Sans-Papiers unterstützen. Aber mit den Jahren haben wir ein Resozialisierungsmodell mit messbaren Resultaten entwickelt. Der Staat könnte dieses Modell umsetzen, wenn er wollte.
55 % der Menschen, die unsere Unterkunft Bumaschnij Projesd durchlaufen haben, müssen nicht mehr auf der Strasse leben und haben wieder in ein normales Leben zurückgefunden, erklärt Daria.

Wir tun alles, um zu helfen und Leben zu retten. Unsere Aufgabe ist riesig. Unterstützen Sie uns.

Wichtig: Trotz der Boykottmassnahmen können wir unsere finanzielle Hilfe weiterführen.