Die Unsichtbaren

Es wäre so viel einfacher für die verschiedenen russischen Verwaltungen, wenn die obdachlosen Sans-Papiers wirklich nicht existierten.
Nicht dass das Problem dadurch etwa gelöst worden wäre, davon ist man sehr weit entfernt. Aber warum nicht in die USSR-Epoche zurückkehren: die Obdachlosen zählten einfach nicht.

Eine sträfliche Untätigkeit
1991 wurde Nochlechka gegründet.
Als Sie in dieser Zeit das Thema erwähnt hätten, hätte die Antwort der Beamten reflexartig gelautet: ich weiss nicht, wovon Sie sprechen.
In der Tat ignorierten die Erbsenzähler ihre Präsenz, weil diese russischen Bürger keine Propiska hatten.

Obwohl das System völlig diskriminierend ist, besitzt es trotzdem eine gewisse Logik: weil der Obdachlose verwaltungstechnisch nicht existiert, ist es nicht notwendig, für diese Bevölkerungskategorie eine staatliche Hilfsstruktur zu schaffen.

Die sankt-petersburger Behörden anerkennen dies ohne Umschweife: der Budgetposten für dieses Problem ist minim.
Sie verheimlichen nicht, dass die Stadt es den NGOs überlassen, sich um diese Misere zu kümmern. Dies ist auch in Moskau und anderswo in Russland so.
Man hätte hoffen können, dass sich diese Mentalität 2022 weiterentwickelt hätte.
Aber nein, oder sehr wenig.

Das Vogel Strauss Syndrom
Ein Mittel, um zu zeigen, dass das Obdachlosen-Thema eigentlich kein Problem ist, ist darüber keine Statistiken zu erstellen, erklärt Karina Garinowa, Projektleiterin bei Nochlechka.
In Russland veröffentlichen sie über diese Thematik fragmentarische Daten, die nicht der Realität entsprechen. Das Fehlen der Basiszahlen bietet ihnen eine formelle Möglichkeit, das Problem der Obdachlosigkeit auf irgendeine Art zu lösen.
Im Verlauf der letzten 30 Jahren wurde in Russland auf nationaler Ebene keine Zählung der Obdachlosen durchgeführt.
Trotz des Verspechens vom 5. Juli 2021 hat Tatyana Golikowa, Vize-Premierministerin, bisher nichts unternommen.
Und die Ereignisse in der Ukraine werden diese Situation nicht verändern.

Das Absurde als Führer
Karina Garinowa fährt weiter: die Beamten des Ministeriums zählen die Obdachlosen in Funktion ihres Erscheinens in einer der staatlichen Einrichtungen (Unterkünfte, etc.), was natürlich absolut nicht Zahl der auf der Strasse überlebenden Menschen entspricht.
Dies umso mehr, als man die drakonischen Reglen kennt, die für den Zugang in die staatlichen Empfangszentren gelten.
Generell sind diese Orte für die obdachlosen Sans-Papiers unzugänglich.

Nochlechka hat es sehr wohl selbst versucht, die Obdachlosen in St. Petersburg zu zählen.
Trotz der Unterstützung anderer Organisationen wie Charity Hospital wurden sie sich sehr schnell bewusst, dass sie für eine Aufgabe dieser Grössenordnung nicht ausgerüstet waren.

Eine Demiurgenarbeit
Wie uns Nikita Vasiliev, Freiwilliger bei Charity Hospital, bestätigt, verlangt diese Ermittlung eine Organisation, allein kommt man damit nicht klar.
Wir benötigen eine einheitliche Basis von Personen, die aufdatiert werden könnten. Die Unterstützung durch Regierungsstellen ist nötig.
Ich sage nicht, dass sie lediglich Geld zuteilen müssen. Wir sprechen von der Mitarbeit der Polizei, der Ambulanzen und der Spitäler, vielfältiger Sozialdienste, die mit den Obdachlosen zu tun haben, unterstreicht Vasiliev noch.

Der Anästhesist Serguei Lewkov von Charity Hospital geht in diese Richtung:
Ich denke, das System zur Zählung der Obdachlosen in Russland müsste standardisiert werden.
Was ich weiss, verwenden das öffentliche Gesundheitswesen und andere Institutionen eine ziemlich subjektive Beurteilung der obdachlosen Person.
Die Beamten schätzen eine Person in Abhängigkeit ihrer Erscheinung ein und kreuzen das entsprechende Kästchen an. Dies ist eine sehr grobe Methode und sie trifft selten zu.
Es könnte sehr einfach sein, fährt Lewkov weiter, die Methodik existiert, man muss sie nur umsetzen.
Wir könnten sofort nicht nur die Obdachlosen zählen, sondern auch deren Eigenschaften kennen, folgert Serguei Lewkov.

Um dies zu realisieren, wäre jedoch ein politischer Wille nötig. Wir haben gesehen, dass diesbezüglich der Wille nicht oder kaum existiert.

In der Zwischenzeit schätzt man sehr grob, dass die Zahl der obdachlosen Sans-Papiers in St. Petersburg und in Moskau in die Zehntausende gehen.
Und wir müssen ihnen helfen.

Die Obdachlosigkeit ist am 24. Februar nicht auf wundersame Weise verschwunden.
Herzlichen Dank für ihr Vertrauen, unterstützen Sie unsere Arbeit weiterhin.
Sie rettet zahlreiche Leben.

Wichtig: Trotz der Boykottmassnahmen gelingt es uns immer noch, unsere mehr denn je notwendige finanzielle Unterstützung nach Russland zu transferieren.

 

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