Dreissig Jahre

Oktober 1990, die UdSSR ist im Begriff, sich aufzulösen. Der Hunger ist allgegenwärtig. Unter der hungernden Menge befindet sich Walery Sokolov, der Gründer von Nochlechka.
Sokolov arbeitet als Lagerist in einem Güterbahnhof. Er ist soeben aus der Ukraine zurückgekehrt, hat keine Unterkunft und keinerlei Identitätsausweise.

Nein zur Willkür
Beim Ansehen des antitotalitären Films von Alan Parker „The Wall“, der auf dem gleichnamigen Album von Pink Floyd basiert, hat Sokolov seinen sowjetischen Pass zerrissen.
Der Anwalt Yakov Gilinsky, ein Freund von Sokolov, beschreibt ihn als leidenschaftlich, typisch für die neunziger Jahre, jeglichen Bezug zum Staat verachtend.
In jener Zeit, erklärt Sokolov, ist es einfacher, schwarz zu arbeiten als Nahrungsmittel zu erhalten. Für die Obdachlosen ist es unmöglich, Coupons zu erwerben. Für den Bürgermeister von St. Petersburg, Anatoly Sobtschak gibt es in der Stadt keine Obdachlosen.
Angesichts dieser sehr aufschlussreichen Feststellung gründet Sokolov die karitative Vereinigung Nochlechka, russisch für ein Dach für die Nacht. Sie installiert sich in einem Keller an der Puschkinskaya 10.

Vereinigung im Dienste der Landstreicherei
Sokolov gelingt es, Lebensmittel-Coupons zu bekommen und verteilt sie an diejenigen, welche sie dringend benötigen. Mit den ersten zur Hilfe hinzugeeilten Freiwilligen verteilt er Suppe und Tee.
Bald verbringen 70 Obdachlose ihre Nacht im besetzten Haus.
Sokolov, freiwillig und arm, gelingt es, im Januar 1991 Nochlechka offiziell registrieren zu lassen.
Die drei vorhergehenden Versuche waren ein Misserfolg. Motif: „Gründung einer Vereinigung im Dienste der Landstreicherei“…
Um etwas Geld zu finden, gründet Sokolov die Zeitung „At the bottom“. Nur die Obdachlosen dürfen sie verteilen. Sein Preis: zwei Kopeken, wovon eine für Nahrungsmittel für die Obdachlosen. Eine Zeitung, die ihre Sternstunde hatte, ihr redaktionneller Inhalt hoher Qualität zog zahlreiche Leser an.

Wir waren alle arm und hungrig
In den ersten Monaten gab es absolut nichts und es war nutzlos, Spenden zu ergattern, alle oder fast litten am Zusammenbruch des Regimes.
Alle waren wir arm und hungrig, jedermann lebte schlecht, fügt Walery Sokolov bei.
Langsam, sehr langsam nimmt Nochlechka Struktur an.
Am Ende der neunziger Jahren betrug das Jahresbudget rund 10’000 Schweizerfranken, fünf Angestellte arbeiteten ständig in der Organisation, es gab keine Freiwilligen.

Ein Kampf ohne Ende
Heute, dreissig Jahre später, zählt Nochlechka 56 Angestellte sowie ungefähr tausend Freiwillige, worunter jene von Moskau. Das Budget für 2019 belief sich auf 1’259 kCHF. Lesen Sie dazu den Rapport activités 2019 (auf Englisch).
Seit dem Umzug aus dem besetzten Keller an der Puschkinskaya 10 belegt Nochlechka heute ein Gebäude von drei Etagen an der Borowaia Ulitsa 112B.
In seinen Anfängen sehr schmutzig, zeigt sich das Nervenzentrum heute sauber, elegant, es nimmt auch etwa fünfzig Obdachlose auf.
Drei Jahrzehnte nach seiner Gründung führt Nochlechka sehr zahlreiche Aktionen durch.
In Moskau wie in St. Petersburg sind dies der Nachtbus, das Empfangszentrum, die Rechtsberatung.
In St. Petersburg kommen die Überlebenszelte, die Nachtunterkünfte, das Entzugszentrum, der medizinische und der sanitäre Tagesdienst sowie die Wäscherei dazu.

Tagtächlich sind kolossale Anstrengungen zur Bekämpfung des Elends und der staatlichen Absurditäten notwendig.
Wie erwähnt, sind es in St. Petersburg über 60’000 obdachlose Sans-Papiers ohne jegliches Recht. In Moskau leiden ebenfalls Zehntausende unter der diskriminierenden Gesetzgebung.

Unsere Aktionen, unsere Resultate, die Tausenden geretteter Leben, die Tausenden von Schicksalen, welche einen menschlicheren Tagesablauf wiedergefunden haben, Sie und ihre Grosszügigkeit sind es, die es ermöglichen.
Dreissig Jahre Unterstützung, wir danken Ihnen nochmals herzlich dafür.

Unterstützen Sie uns, unsere Aufgabe ist immens, Sie retten Leben.

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