Das Überleben auf der Strasse hat schreckliche Folgen.
Wissen Sie, um unsere erbärmliche Lage zu bewältigen, trinken wir oft Alkohol, der meist gepanscht ist. Es kommt auch vor, dass wir synthetische Substanzen konsumieren. Sehr oft werden wir süchtig, ohne es richtig zu wollen, erzählt Sascha, dem wir am jährlichen Treffen der ehemaligen Obdachlosen begegnet sind.
Falsche Gewissheiten
Seit vielen Jahren bietet Nochlechka den obdachlosen Menschen ohne Papiere, die drogen- oder alkoholabhängig sind, die Möglichkeit, von ihrer Sucht wegzukommen.
Elisaweta Aleksandrowa, Psychologin und Suchtexpertin, unterstützt die Bewohner unseres Wiedereingliederungszentrums in Sankt Petersburg. Sie hilft ihnen, wieder ein normales und suchtfreies Leben zu führen. Elisaweta Aleksandrowa erklärt: Obdachlosigkeit und Sucht hängen oft zusammen. Man glaubt gemeinhin, dass Sucht zu Obdachlosigkeit führt, aber nach unseren Daten lässt sich diese Korrelation nur in etwa 13 % der Fälle feststellen. Meistens ist das Gegenteil der Fall: Die Leute entwickeln eine Sucht, nachdem sie obdachlos geworden sind. Lesen Sie den Erfahrungsbericht von Denis.
Davon wegkommen
Wiedereingliederungsprogramme für Obdachlose sind sehr selten in Russland. Sie alle werden von privaten Institutionen angeboten.
Die von Nochlechka betriebenen Zentren, das gemischte in Sankt Petersburg und das für Frauen in Moskau, sind Vorreiter auf diesem Gebiet. Das St. Petersburger Zentrum öffnete seine Tore Mitte Juni 2019, das Moskauer Zentrum anfangs März 2023. In St. Petersburg bietet es Platz für 15 Personen, in Moskau für 6 Personen. Die Zentren bieten den obdachlosen Sans-Papiers die Möglichkeit, ihre Sucht zu überwinden.
Die Methode orientiert sich an einem sozialen Modell, das in Ottawa entwickelt wurde, allerdings mit einem gewichtigen Unterschied: Bei Nochlechka ist Alkohol strengstens verboten. Das Projekt basiert auf den Prinzipien der Anonymen Alkoholiker.
Die Therapie umfasst Einzel- und Gruppensitzungen mit Suchtberatern und Psychologinnen. Die täglichen Treffen der Teilnehmer/-innen werden von Beratern und auch von ehemaligen Obdachlosen geleitet, die von ihrer Sucht losgekommen sind. Die Süchtigen werden medizinisch betreut und erhalten Unterkunft und Verpflegung. Die maximale Aufenthaltsdauer beträgt sechs Monate.
Ausserdem helfen die Anwälte von Nochlechka jeder einzelnen Person dabei, ihre juristischen und administrativen Probleme zu lösen, was die Rückkehr in einen menschenwürdigeren Alltag erleichtert.
Die Art der Flasche spielt keine Rolle
Der Verantwortliche des Wiedereingliederungsprojekts, Slawa Minin, beschreibt den Alkoholismus der obdachlosen Sans-Papiers: Für sie ist jedes Mittel gut, um den enormen Stress zu vergessen, der ihren Alltag bestimmt. Mangels Geldes greifen Obdachlose oft zu Desinfektionsmitteln, Eau de Cologne, Reinigungsmitteln, medizinischem Alkohol und zu anderen alkoholischen Flüssigkeiten. Die Folgen können Sie sich vorstellen.
Im Winter ist es noch schlimmer. Die Obdachlosen versuchen, sich mit Alkohol zu wärmen, selbst wenn sie dabei einschlafen und erfrieren können.
Was für eine Willenskraft!
Um am Projekt teilzunehmen, muss die Person zuallererst eine Entziehungskur machen, erklärt Slawa Minin weiter. So werden die Grundlagen für eine bewusste Motivation und Genesung gelegt, mittels derer die Person unter unserer Aufsicht einen Alltag ohne Alkohol vorbereitet.
Sie lernt, mit den Schwierigkeiten umzugehen, zu arbeiten, sich zu wehren, sich ohne Alkohol zu freuen und zu feiern ohne Alkohol, zu streiten, sich zu verlieben, eben ohne Alkohol ein ganz normales Leben zu führen.
70% unserer Teilnehmerinnen und Teilnehmer verlassen das Programm suchtfrei. Sie kehren zu einem geordneten Leben zurück, haben eine Wohnung, eine Arbeit und soziale Kontakte.
Das Projekt, ein Entzugszentrum für Frauen in Sankt Petersburg zu eröffnen, ist nach wie vor aktuell. Wir suchen nach den dafür notwendigen Mitteln.
Unsere Aufgabe ist riesig. Helfen sie uns, Menschenleben zu retten.
Wichtig: Trotz der Boykottmassnahmen können wir unsere finanzielle Hilfe weiterführen.