Almosen?

Soll man bettelnden Obdachlosen Geld geben? Das ist eine Frage, die immer wieder kommt. Und die Antwort ist immer NEIN.
Denn sie werden mit dem Geld Alkohol oder Drogen kaufen, denkt man. Es ist besser, ihnen etwas Konkretes zu schenken, ein Ticket für den ÖV, etwas zu essen oder ein alkoholfreies Getränk.
Und doch: Das kanadische Projekt New Leaf, das von der gemeinnützigen Organisation Foundations for Social Change lanciert worden ist, ebenso wie mehrere Studien und Programme widerlegen dieses Klischee.
Allerdings sprechen wir von Zahlungen in einer bestimmten Höhe und nicht von einigen Münzen, die in die Hand eines Bettlers gelegt oder in einen Becher geworfen werden.

Ein Lohn für Obdachlose?
Das Projekt New Leaf wollte untersuchen, welche Auswirkungen die Zahlung eines festen monatliche Betrags an Obdachlose hat.
Foundations for Social Change erklärt dieses Experiment folgendermassen: Anstelle der üblichen Modelle von Unterstützung vertrauen wir den Leuten und sind überzeugt, dass sie selbst am besten ihre Bedürfnisse kennen.
Als wir ihnen die Mittel gaben, finanziell unabhängig zu werden, stellten wir Veränderungen fest. Einige konnten sich eine Unterkunft leisten, andere ihre Ausbildung weiterführen und viele konnten sich eine bessere Zukunft aufbauen.

 

Die Studien zeigen, dass für Menschen, die weder an einer schweren Sucht noch an einer psychischen Krankheit leiden, die Auszahlung eines Geldbetrags eine wirkungsvollere und kostengünstigere Unterstützungsmassnahme sein kann als herkömmliche Programme wie die Verteilung von Nahrungsmitteln und weiteren Gütern sowie die Betreuung durch Sozialarbeiterinnen und andere Spezialisten. Das gibt natürlich zu denken.

Eine Utopie?
Im Rahmen des Projekts erhielten zunächst 50 Obdachlose eine einmalige Auszahlung von 7’500 kanadischen Dollar (4’385 CHF), was der jährlichen Leistung der Sozialhilfe in British Columbia entspricht. Diese Summe dürfte etwa 60 % der durchschnittlichen jährlichen Ausgaben für einen Obdachlosen entsprechen, der in einer Notunterkunft untergebracht ist.
Die Studie zeigt somit, dass diese Programme im Hinblick auf die öffentlichen Ausgaben effizienter sind und durchschnittlich jährliche Einsparungen von 777 $ (455 CHF) pro Person ermöglichen.

Dank dieser Zahlung lebten die derart begünstigten Obdachlosen 99 Tage weniger lang auf der Strasse und 55 Tage länger in einer festen Unterkunft im Vergleich zu denjenigen, die diesen Betrag nicht erhalten hatten.
Dazu kommt noch, dass wider Erwarten die Obdachlosen, welche von dieser Hilfe profitierten, Ersparnisse machen konnten und einen grösseren Teil ihres Budgets für Medikamente, Miete, Lebensmittel, Kleider und Transportmittel verwenden konnten.
Und entgegen den Befürchtungen wurden ihre Ausgaben für “Verlockungen” wie Alkohol, Drogen und Tabak nicht grösser.

In Grossbritannien: Schluss mit Vorurteilen
Das britische Programm eines personalisierten Budgets, bei dem finanzielle Unterstützung an Obdachlose geleistet wird, zeigt ebenfalls positive Resultate.
Im Vergleich zum Projekt New Leaf ist die Versuchsanlage etwas anders. Die Initiatoren setzen sich zum Ziel, Menschen in chronischer Obdachlosigkeit ins Sozialsystem zu integrieren, indem sie ihnen die Möglichkeit geben, finanzielle Hilfe für einen bestimmten ausgewiesenen Bedarf zu erhalten (die Miete zahlen, Arbeitsgeräte oder Haushaltgeräte kaufen), Ausgaben, die nicht durch die reguläre Sozialhilfe gedeckt sind.
Das zur Verfügung stehende Budget bewegt sich zwischen 1’000 £ und 3’000 £ (1’100 CHF und 3’300 CHF), je nach der Dauer der Obdachlosigkeit und der Situation des Betroffenen. Es handelt sich um einen zusätzlichen Anreiz, von der Strasse wegzukommen und eine Unterkunft zu finden. Die Betroffenen können selbst bestimmen, wozu sie das erhaltene Geld verwenden.

Die Ergebnisse dieser Pilotprojekte sind vielversprechend: Die Zahl der Menschen, die ihre Wohnung behalten konnten und nicht mehr auf die Strasse zurückkehrten, stieg, die Unterstützungskosten pro Person waren fast 20-mal kleiner als mit dem früheren System und die Leute selbst gingen pragmatisch und sparsam mit ihren Ausgaben um. Das widerspricht den Vorurteilen, gemäss denen die Obdachlosen unfähig seien, ihr Geld vernünftig zu verwalten.

Welche Zukunft?
Im Jahr 2026 wird die Untersuchung in Kanada fortgesetzt. Das Projekt New Leaf ist auf 400 Personen, die einen monatlichen Betrag erhalten, ausgeweitet worden.
In England steht die Datenerhebung vor Ort vor dem Abschluss und wichtige wissenschaftliche Schlussfolgerungen, die auf Herbst 2026 erwartet werden, sind in Vorbereitung.

Die Versuche, Obdachlosen direkt finanzielle Hilfe zukommen zu lassen, interessiert auch andere Länder. Die Vereinigten Staaten führen die meisten randomisierten klinischen Studien durch, die dem kanadischen Projekt ähneln. Finnland und Norwegen verwenden nicht genau die gleiche Form von einmaliger Zahlung, aber sie übernehmen die Philosophie des Projekts New Leaf. In Frankreich und in Belgien dient das kanadische Projekt als wichtiges wissenschaftliches Argument, um einen Mentalitätswandel herbeizuführen.

Bei Nochlechka setzen wir uns seit mehr als 35 Jahren dafür ein, dass die obdachlosen Menschen ohne Papiere wieder Tritt fassen können.

Danke dafür, dass Sie uns weiterhin unterstützen. Unsere Aufgabe ist riesig. Wir retten Menschenleben.

Wichtig: Trotz der Boykottmassnahmen führen wir unsere finanzielle Hilfe weiter.