Andrej, ein Sklave

Ich weiss nicht recht, womit ich beginnen soll, erzählt Andrej. Er ist etwa 40 Jahre alt und sein Gesicht ist gezeichnet von vielen Jahren Fronarbeit.
Sagen wir es mal so: Ich bin hier in den Räumlichkeiten von Nochlechka, weil ich es geschafft habe, aus einem dieser Arbeitslager zu fliehen, in denen wir wie Dreck behandelt werden und einen Hungerlohn erhalten, damit wir uns auf den Feldern abrackern können, und zwar 16 Stunden pro Tag und dies bei jedem Wetter.
Es ist Sommer und zu dieser Jahreszeit ist es lange hell.

Ein Familienstreit
Ich komme von Perm, wo ich bis zum Tod meiner Mutter gelebt habe. Ich wollte ihre grosse Wohnung verkaufen, für mich eine kleinere kaufen und ein paar Ersparnisse zur Seite legen. Ich arbeitete als Metallarbeiter bei den Motowilichinskjie Savody.
Der Immobilienmakler war ein richtiger Gauner. Ich wurde reingelegt, habe alles verloren. Es blieb mir gerade noch so viel Geld übrig, um in einer dieser Pensionen Unterschlupf zu finden, die es mit der Meldepflicht nicht so genau nehmen. Und dumm, wie ich nun mal bin, habe ich dem Vorarbeiter von meinem Unglück erzählt. Ohne Mitgefühl für meine Lage erklärte der mir, dass ich gehen müsse, da ich keine registrierte Wohnung und somit auch keinen legalen Aufenthaltsstatus mehr hätte. Immerhin haben sie mir noch meinen Lohn ausbezahlt.
Das war eine Katastrophe für mich, weshalb ich beschloss, zu meiner Schwester nach Moskau zu fahren. Natürlich hätte ich sie vorher benachrichtigen sollen. Nach der 25-stündigen Zugfahrt tauchte ich bei ihr auf und es war – gelinde gesagt – der falsche Moment. Nicht nur, dass die Wohnung eine nicht eben grosse Gemeinschaftswohnung war, das Paar steckte auch mitten in einer Krise. Kurz und gut, ich begriff sofort, dass ich etwas anderes suchen musste.

Die Falle
Und wieder wohnte ich in einer dieser zwielichtigen Unterkünfte. Zusammen mit einem Leidensgenossen machte ich uns auf Arbeitssuche.
An mehreren Laternenpfählen klebte eine verlockende Anzeige, in der eine Agentur Arbeitskräfte suchte für Landwirtschaftsbetriebe – gute Sozialleistungen, attraktiver Lohn. Sascha und ich gingen sofort hin und wurden gleich angestellt. Sie erkundigten sich nicht einmal nach unserer Propiska, aber unsere Identitätskarten nahmen sie an sich. Das hätte uns stutzig machen sollen.
Zusammen mit anderen Typen wie wir fuhren wir in einem Minibus Tausende von Kilometern, bis wir in der Nähe von Schuschary landeten. Das erfuhr ich erst viel später, als ich wieder frei war.
Dort herrscht eine Gefängnisatmosphäre. Es geht brutal zu und her. Befehle werden gebrüllt, Wachhunde bellen. Wir wurden in Reih und Glied aufgestellt und man erklärte uns ohne Federlesen die Regeln, die Arbeitszeiten, unsere Aufgaben und dass wir streng bestraft würden, wenn wir nicht gehorchten. Dann wurden wir im Laufschritt zu den Duschen gejagt, die sich in einem Hof befanden. Dort mussten wir uns nackt ausziehen. Wir wurden mit einem eiskalten Wasserstrahl unter Hochdruck abgespritzt, erhielten eine Hose und eine kakifarbene Weste, zwei Paar Socken und Schuhe, die mehr oder weniger die richtige Grösse hatten. Beim Coiffeur wurden wir kahlgeschoren. Wir hatten knapp Zeit, eine Art Brei herunterzuschlucken und los gings auf die Felder, unter der Aufsicht von Männern, die mit langen Schlagstöcken bewaffnet waren und Hunde an der Leine hielten, die ununterbrochen knurrten.

Nur nicht draufgehen
Wir arbeiteten vom frühen Morgen an bis in die Nacht, nonstop, für einen mickrigen Lohn, ständig unter der Aufsicht dieser Schlägertypen mit ihren Hunden. Ich habe gehört, dass sie Arbeiter töteten, die fliehen wollten. Auf jeden Fall wurden, diejenigen, die es versuchten und erwischt wurden, heftig ausgepeitscht.
Es war mir bewusst, dass ich das nicht lange durchstehen konnte. Ohne ein allzu grosses Risiko einzugehen, wartete ich auf den geeigneten Augenblick, um zu fliehen. Es gelang mir, unter die Plane eines Lieferwagens mit flacher Ladefläche zu schlüpfen und mich zwischen Kohlkisten zu verstecken.
Nach gut zwei Stunden realisierte ich, dass wir die Agglomeration einer Stadt erreichten. Ich kroch bis zur Seitenwand und warf einen Blick hinaus. Es hatte viel Verkehr. Beim ersten Halt sprang ich raus und war frei.

Die Rückkehr
Ich befand mich in Sankt Petersburg und irrte mehrere Tage und Nächte herum, bis ich auf den Nachtbus stiess. Und jetzt wohne ich bei Nochlechka. Sie tun alles, damit ich wieder eine administrative Identität erhalten und ein neues Leben beginnen kann, sagt Andrej zum Schluss.

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