Olga lebt wieder auf

Olga ist 50 Jahre alt. Sie hat drei Haftstrafen verbüsst, eine zerbrochene Ehe hinter sich, ferner eine langjährige Alkoholabhängigkeit und ein Leben auf der Strasse durchgemacht. Aber all das ist Vergangenheit. Heute hilft Olga obdachlosen Frauen, indem sie in unseren Wiedereingliederungsworkshops mitwirkt.
Dass ich es geschafft habe, verdanke ich Nochlechka, erzählt Olga.

Ein trauriges Schicksal
Ich war fünfzehn Jahre alt, als ich wegen Mordes an meinem Stiefvater verhaftet wurde. Das war in meiner Geburtsstadt Ufa in Baschkortostan. Die Ermittlungen dauerten dreieinhalb Jahre. Der Fall wurde ständig zur weiteren Überprüfung zurückgewiesen und am Schluss wurde ich zu zehn Jahren Haft verurteilt. Mein Stiefvater trank und schlug meine Mutter. Ich lebte nicht bei ihnen, sondern bei meiner Grossmutter und besuchte die Mutter gelegentlich. Eines Tages konnte ich mich nicht mehr zurückhalten. Der Typ begann meine Mutter zu misshandeln und ich habe sie verteidigt. Ich war kräftig und er war betrunken, es war also nicht schwer. Ich habe den Mistkerl an einen Stuhl gefesselt und bin gegangen. Und dann wurde er tot aufgefunden, von einer Axt erschlagen, immer noch an den Stuhl gefesselt. Wer konnte denn so etwas getan haben?
Ich habe alles auf mich genommen. Heute denke ich, ich hätte anders handeln sollen: alles so erzählen, wie es passiert war. Dann hätte sich vielleicht etwas geändert in meinem Leben und in dem meiner Mutter. Aber letztendlich hat sich meine Mutter betrunken und ich bin ins Gefängnis gekommen.

Der Absturz
Nach meiner Entlassung aus dem Gefängnis habe ich eine Beziehung angefangen. Ich arbeitete in einer Metallverarbeitungsfabrik. Als ich einen Unfall hatte, begann ich zu trinken. Das war die einzige Möglichkeit, um den psychischen Schmerz zu lindern, der mich seit der Ermordung meines Stiefvaters verfolgte. Sascha, mein Partner, versuchte unsere Beziehung zu retten, mich zu heilen. Er hat alles probiert, aber ich trank einfach weiter, wie eine Idiotin. Jeden Tag, systematisch. Das Leben hatte für mich überhaupt keinen Sinn mehr. Ein endloser Kreislauf. Ich hatte keine Arbeit mehr, begann zu klauen und landete zweimal im Gefängnis.
Als Olga wieder draussen war, fuhr sie nach Moskau. Und dort erging es ihr nicht besser. Ohne gültige Papiere reichten die illegalen Gelegenheitsjobs kaum aus, um sich mit Alkohol zu versorgen und auf der Strasse zu überleben.

Ein langer Prozess
Als Olga 2022 bei Nochlechka auftaucht, weigert sie sich, als Alkoholikerin betrachtet zu werden, erinnert sich Tatjana Romanko, eine Sozialarbeiterin von Nochlechka. Olga wird sehr bald weggewiesen. Bei Nochlechka gilt nur eine Regel: Man muss nüchtern sein.
2024 erscheint Olga nochmals. Sie ist in einem erbärmlichen Zustand. Sie erklärt sich nun bereit, an unserem Entzugsprogramm für obdachlose Frauen ohne Identitätspapiere teilzunehmen. Es war nicht leicht, nüchtern zu bleiben, erinnert sich Olga, ein richtiger Kampf gegen mich selbst. Aber wir waren gut betreut und wir unterstützten uns gegenseitig, um durchzuhalten.
Vorher war ich nie abstinent, nicht mal einen Tag lang, und das seit mindestens 20 Jahren. Wenn ich betrunken bin, fühle ich mich schmutzig, wie von Brennnesseln überwuchert. Jetzt, nach einigen Monaten der Abstinenz, ist mir klar, dass man zu Nochlechka gehen und sich in die Gesellschaft von nüchternen Menschen begeben muss.

Eine zweite Chance
Tatjana erzählt, dass die erneute Anfrage von Olga alle überrascht habe: Ja, ich war ganz erstaunt, dass sie nochmals zu uns kam und uns so ernsthaft um Hilfe bat.
Da Olga bereits aus der Unterkunft weggewiesen worden war, diskutierte der Betreuungsdienst von Nochlechka über die Möglichkeit, ihr eine zweite Chance zu geben. Schliesslich beschlossen wir, dass es besser sei zu handeln und es dann zu bereuen, als gar nichts zu tun. Und wir können uns nicht beklagen, sagt Tatjana mit einem Lächeln.

Ein neuer Horizont
Nach ihrer Entwöhnungskur verbrachte Olga drei Monate in unserem Programm für begleitetes Wohnen. Wir halfen ihr, die Miete bis Dezember 2025 zu zahlen. Seit da lebt Olga völlig selbständig, erklärt Tanja.
Bis heute hat Olga die Verbindung zu Nochlechka nicht abgebrochen. Sie nimmt an gewissen Gruppentreffen teil, erzählt ihre Lebensgeschichte und unterstützt die neuen Teilnehmerinnen. Ausserdem hat Olga auch eine Stelle gefunden. Sie ist Sozialarbeiterin geworden.

Auf die Frage nach der Voraussetzung für diesen Erfolg, so bescheiden und langwierig er auch sein mag, antwortet Tatjana: der Wille sich zu ändern. Das ist es auch, was die Olga im Jahr 2024 von derjenigen aus dem Jahr 2022 unterscheidet. Es ist der Wunsch, sich zu ändern, und auch die Ehrlichkeit sich selbst gegenüber. Wenn es ein Problem gibt, ist es besser, darüber zu sprechen und an einer Lösung zu arbeiten. Dafür muss man sich überhaupt nicht schämen.
Es stimmt, fügt Olga an: In diesem Entzugsprogramm war die Ehrlichkeit die Grundlage meiner Genesung.

Wir tun alles, um zu helfen und Leben zu retten. Unsere Aufgabe ist riesig. Unterstützen Sie uns.

Wichtig: Trotz der Boykottmassnahmen können wir unsere finanzielle Hilfe weiterführen.