Das russische Heimwesen für Waisen hat sich von einem Modell grosser staatlicher Institutionen zu einer Priorisierung der Platzierung in Pflegefamilien entwickelt.
Die Unterbringung in Pflegefamilien (foster care) wird heutzutage bevorzugt. Diese sind ein fester Bestandteil des Erziehungssystems für Waisenkinder.
Zahlreiche klassische Waisenhäuser wurden geschlossen oder in Unterstützungszentren für Familien umgewandelt, um die Verwahrlosung von Kindern zu verhindern.
Starker Rückgang
Aus diesem Grund ist die Zahl der Waisenkinder, die in staatlichen Einrichtungen leben, stark rückläufig. Während es in den Jahren 1990-2000 noch mehr als 600’000 Kinder waren, lebten Anfang 2024 noch etwa 32’000 bis 34’000 Waisenkinder in Waisenhäusern (im Jahr 2006 waren es noch 180’000).
Ein Grossteil der Kinder, die in Heimen leben, etwa 80% bis 90%, sind keine biologischen, sondern “soziale” Waisen, deren Eltern ihre Erziehungsrechte verloren oder die nicht die Mittel haben, die Kinder grosszuziehen.
Anfang 2024 befanden sich etwa 358’000 Kinder in Pflegefamilien oder unter Vormundschaft.
Von der Theorie zur Praxis
Die ehemaligen staatlichen Waisenhäuser werden heute oft als Zentren für Familienhilfe bezeichnet (Центр содействия семейному воспитанию – CSSV).
Trotz Modernisierungsbemühungen weisen Experten immer wieder auf den Mangel an finanziellen Mitteln und die psychischen Traumata der fremdplatzierten Kinder hin.
Die für eine angemessene Führung der CSSV bereitgestellten Gelder sind knapp, die Mahlzeiten ebenso, die Ausbildungsmöglichkeiten begrenzt.
Der Artikel 57 wird nicht immer eingehalten
In Russland ist die Gesetzgebung bezüglich der Waisenkinder eindeutig. Artikel 57, Absatz 2 des neuen Wohngesetzes, das 2004 verabschiedet wurde, besagt: Waisen, die ohne elterliche oder familiäre Unterstützung sind, erhalten bei Erlangung der Volljährigkeit vorrangig eine Wohnung, sobald sie aus einer Bildungsstätte oder einem anderen öffentlichen Heim austreten. Dazu zählen auch Einrichtungen der Sozialhilfe, Pflegefamilien oder familienähnliche Waisenhäuser.
Waisen ohne Papiere und ohne Obdach
Es kommt jedoch immer wieder vor, dass Waisen nicht auf der Liste stehen, die ihnen die Zuweisung einer Unterkunft ermöglicht. Und selbst wenn sie darauf stehen, erstreckt sich die endlos lange Warteliste über Jahrzehnte.
Ende 2025 konnte die Stadt Moskau an ungefähr 900 jungen Waisen Wohnungen vermitteln. Schätzungen zufolge gab es zu dieser Zeit in Moskau 17’000 bis 18’000 Kinder, die Waisen waren oder ohne elterlichen Schutz lebten.
Es überrascht nicht, dass viele dieser Jugendlichen nach Entlassung aus einem Heim auf der Strasse stehen.
Ein paar Statistiken
Der aktuelle Trend zeigt, dass der russische Staat das Scheitern der gesellschaftlichen Integration von Waisenkindern durch die Militarisierung ihres Werdegangs kompensiert und dabei die Wohnungskrise als wichtigstes Druckmittel nutzt.
| Indikator | 2010 | Aktuelle Situation (2024-2025) |
| Obdachlos | 20 % | ~48 % (auf eine Unterkunft wartend oder in unzumutbarer Unterkunft) |
| Selbstmord | 10 % | 10 % (stabil, Weltrekord) |
| Arbeitslos | 33 % | 33 % (starker Anreiz, sich für den Militärdienst zu melden) |
| Gefährdet | 50 % | ~60 % (einschliesslich neuer sozialer Waisen) |
Für den Zeitraum 2024-2025
1.Wohnungskrise und Obdachlosigkeit (20 % -> 48 %)
Das Recht auf eine kostenlose Unterkunft ab 18 Jahren ist immer schwieriger durchzusetzen. Die Wartelisten für Waisen sind extrem lang. Ende 2024 standen ungefähr 184’000 aus einem Heim entlassene junge Erwachsene immer noch auf der Warteliste für eine Wohnung.
Wartefristen: In gewissen Regionen dauert die Wartezeit mehr als 10 Jahre, so dass beinahe die Hälfte der Jugendlichen nach dem Heimaustritt ohne festen Wohnsitz sind.
Qualität: Viele der zugewiesenen Unterkünfte müssen als unbewohnbar bezeichnet werden (kein fliessendes Wasser, keine Heizung, keine Elektrizität), was die prekäre Lage noch verschärft.
2.Beschäftigung und Arbeitslosigkeit (33 % -> stabil)
Die Arbeitslosigkeit ist nach wie vor ein grosses Problem, da passende Ausbildungsmöglichkeiten fehlen.
Ungenügende Schulbildung: Viele Heime bieten bloss eine verkürzte schulische Ausbildung an und beschränken den Zugang zu den Hochschulen auf 4% der Jugendlichen.
Militärische Umschulung: 2024-2025 gab es eine starke Tendenz, dass die Behörden Waisen ohne Arbeit und ohne Unterkunft aufforderten, einen Vertrag beim Militär zu unterschreiben. Das Versprechen, bei der Wohnungssuche bevorzugt zu werden, wird als Druckmittel zur Rekrutierung für einen Einsatz in der Ukraine benutzt.
3.Risikogruppe und Kriminalität (50 % -> ansteigend)Die Kategorie “Risikogruppe” wird grösser aufgrund neuer sozialer Faktoren.
Sorgerechtsentzug: Im Jahr 2025 hat sich Anzahl Kinder, deren Väter in der Ukraine im Einsatz sind, vergrössert. Solche Kinder werden oft wegen familiärer Dysfunktion oder Kriegstraumata in ein Heim eingewiesen.
Kriminalität: Ungefähr 40% ehemaliger Waisenkinder sind in den Jahren nach ihrem Austritt in kriminelle Netzwerke verstrickt, da Begleitstrukturen fehlen.
4.Suizide (10 % -> immer noch eine kritische Grösse)
Die Suizidrate in dieser Alterskategorie bleibt weiterhin eine der höchsten weltweit.
Vereinsamung nach dem Heimaufenthalt: Der Mangel an Mentoren und Betreuungsangeboten nach dem Erreichen des 18. Altersjahrs führt dazu, dass die Rate immer noch bei circa 10% liegt.
Mentale Gesundheit: Fast jede fünfte Waise äussert Selbstmordgedanken, oft in Verbindung mit einem Trauma, das im Heim nicht behandelt wurde.
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