Vom Leben betrogen

Die Gesellschaft beschreibt uns obdachlose Sans-Papiers oft als freie Menschen, die bewusst dieses Leben gewählt haben. Das stimmt nicht, erzählt Wadim, der anfangs der 90-er Jahre in Rjasan geboren wurde.
Wir sind Opfer eines Systems. Um zu überleben, versuchen wir uns zusammenzuschliessen, weil es dann einfacher ist. Aber diese Form des Zusammenlebens mit einer echten Familie zu vergleichen, das ist ein Märchen.

Ohne Zuneigung
Von Anfang an lief mein Leben schlecht. Der Vater war unbekannt, die Mutter fast immer abwesend. Ich wurde von einer gebrechlichen Grossmutter aufgezogen und kam sehr bald in ein Heim für Kleinkinder. Zwar besuchte mich meine Mutter von Zeit zu Zeit, aber sie bemühte sich nie darum, dass ich bei ihr hätte leben können. Hätte sie das überhaupt gekonnt? Ich weiss es nicht. Ich wuchs in dieser strengen Umgebung auf, in der es keine Zärtlichkeit gab und wurde hart. Ich lief aus dem Heim davon und landete in Moskau.
Ich hatte nichts geplant und kein Geld. Ich bettelte, schlief in Hauseingängen oder Kellern. Ich stiess auf alle möglichen Leute, gute und schlechte.
Moskau ist eine derart hektische Stadt, dass den Menschen dort alles egal ist. Selbst wenn man vor ihren Füssen stirbt, rührt niemand auch nur einen Finger. Ich wurde von der Miliz geschnappt und ins Heim zurückgeschickt.

Schon bald im Gefängnis
Gestärkt durch diese Erfahrung, habe ich nicht mehr aufgemuckt. Als ich aus dem Heim kam, schloss ich mich einer Bande an. Wir stahlen Autos. Warum? Vermutlich ging es uns eher darum, untereinander anzugeben als um irgendeinen finanziellen Gewinn.
Das endete so, wie es enden musste, nämlich im Gefängnis. Sechs Jahre haben sie mir aufgebrummt.
Der Gefängnisalltag ist hart. Ich war dort so etwas wie ein Rowdy, ein harter Typ. Ich weigerte mich, das zu tun, was man mir befahl. Die Wärter sagten zum Beispiel: “Du musst das oder das tun”, und ich antwortete, dass ich niemandem etwas schulde. Ich litt darunter und war ständig in Einzelhaft. Ich nutzte die Zeit zum Lesen. Mein Lieblingsbuch war “Der Graf von Monte Christo“.

Die Falle
Bei meinem Austritt hatte ich keine Identitätspapiere. Eine Freundin sprach von einer Arbeitsstelle in Sankt Petersburg. Eine Stelle in einer Fabrik, mit Unterkunft. “Fahren wir dorthin”, sagte sie, “man wird uns einstellen”. Wir fuhren dorthin, aber niemand wollte uns einstellen.
Wir versuchten uns durchzuschlagen. Schliesslich ging meine Freundin weg und ich blieb, auch wenn es schwierig war, auf der Strasse zu überleben. In Sankt Petersburg traf ich Leute wie mich. Ich lebte unter einer Blache, die ich als Zelt benutzte. Wenn es möglich war, arbeitete ich schwarz auf Baustellen. Manchmal wurde ich bezahlt, manchmal nicht.
Das schlimmste Wetter für einen Obdachlosen ist Regen oder Frost. Wenn es regnet, ist man durchnässt, und es gibt keinen Ort, wo man sich trocknen kann. Die Gefahr krank zu werden ist, gross. Die Kälte ist noch schlimmer, man kann dabei ums Leben kommen. Viele Obdachlose sterben im Winter.

Ein Neuanfang
Nochlechka hat mir sehr geholfen. Sie haben mir meine Identitätspapiere wiederbeschafft und es mir ermöglicht, einen Beruf zu lernen: Industrieklettern. Ich wollte meine Abschlüsse machen und eine Stelle in einem richtigen Unternehmen finden. Dann werde ich auch eine Wohnung finden, erklärt Wadim.

Unterstützen Sie uns
Wie Sie wissen, sagt uns Mascha Muradowa, die Projektkoordinatorin, ist die Hilfe, die unsere Anwälte und unsere Sozialarbeiterinnen für Wadim und all unsere anderen Schützlinge leisten, mit erheblichen finanziellen Aufwendungen verbunden.
Wir geben mindestens 20 CHF täglich aus, um eine Person zu unterstützen, die in sozialen und rechtlichen Schwierigkeiten steckt. Meistens reicht eine einzige Beratung nicht aus. Oft benötigen Menschen in Not eine längerfristige Unterstützung. In solchen Fällen beginnt für unsere Fachkräfte ein langwieriger Prozess der sozialen und rechtlichen Begleitung.

Dafür brauchen wir Ihre Unterstützung. Danke, dass Sie uns helfen, Leben zu retten.

Wichtig: Trotz der Boykottmassnahmen können wir unsere finanzielle Hilfe weiterführen.