Tödliche Blindheit

Die systematische Weigerung des Staates, seine obdachlose Bevölkerung zu impfen, stellt ein wahres Problem für die öffentliche Gesundheit dar.

Gemäss der Bilanz der russischen Regierung wurden am Donnerstag, den 14. Oktober 2021, 986 Tote durch den Coronavirus gemeldet.
Wieviele davon sind obdachlose Sans-Papiers? Unmöglich zu sagen, denn für den Staat existieren sie gar nicht.

Und die Sans-Papiers?
In den letzten Tagen hat das Land bereits mehrmals seinen Tagesrekord an Toten geschlagen.
Das Institut für Statistik Rosstat bezifffert die Anzahl der bis Ende August an Covid-19 Verstorbenen mit über 400’000.
Die Obdachlosen vegetieren in einer blinden Zone der russischen Sozialpolitik, sagt uns Daria Baibakawa, Direktorin der moskauer Niederlassung von Nochlechka.
Und sie fügt bei: 2020 sind in Moskau mindestens 634 Obdachlose gestorben.
Wieviele davon an Covid-19?

Sans-Papier Cluster
Die Coronavirus-Infektionen betreffen alle, wie auch immer der soziale Status ist, betont Sergei Iewkov, der Verantwortliche von Charity Hospital.
Die Massenimpfung der obdachlosen Personen ist vital, es nicht zu tun, nicht zu erleichtern, ist unwürdig.
Eine grosse Zahl der Obdachlosen ist alt, leidet an chronischen Krankheiten. Dies ist die erste Risikogruppe, deren Impfung wäre überaus angemessen, unterstreicht Sergei Iewkov nochmals.

Der Zugang zu den Impfungen für die Obdachlosen ist im öffentlichen Interesse. Die Obdachlosen sind am stärksten vom Coronavirus betroffen. Sie können sich nicht isolieren, keine Quarantaine befolgen, betont die Molekularbiologin und wissenschaftliche Journalistin Irina Yakutenka eingehend.

Unverständlich
Für die russische Regierung scheint dieser Zustand völlig nebensächlich zu sein, während in vielen europäischen Ländern die auf der Strasse überlebende Bevölkerung ein Recht auf Impfung hat.
Ausserdem können die privaten Stiftungen wie z.B. die karitativen NGO die obdachlosen Sans-Papiers nicht impfen, der Staat verbietet es und erkärt sich ausschliesslich dafür zuständig. Und die freiwilligen Organisationen haben sowieso nicht die notwendigen Mittel für den Kauf des Sputnik-Impfstoffes, um damit gegen das Vius zu kämpfen.

Die freiwilligen Pflegerinnen des Nachtbusses bestätigen, dass die Impfung der Obdachlosen gegen Covid-19 mit vielen Schwierigkeiten verbunden ist.
Für die Spritze sind mehrere Dokumente nötig: obligatorische Krankenversicherung, Pass, etc. Die Impfung ist nicht möglich ohne Überprüfung der Identität. Ohne diese erhalten Sie kein Zertifikat.
Die bedeutet, dass ein Obdachloser keine Impfung erhalten wird, beklagen sich die freiwilligen Pflegerinnen, dies umso mehr als der Staat keine prophylaktischen Massnahmen für diese Kategorie der russischen Bevölkerung trifft.

Ein Tropfen auf den heissen Stein
Dank verschiedenen diskreten Arrangements mit verständnisvolleren Funktionären konnten Charity Hospital und Nochlechka Impfkampagnen auf die Beine stellen. Obwohl diese Früchte trugen, blieben sie mehr symbolisch.
Daniil Kramorov, Vertreter von Nochlechka in St. Petersburg, widerspricht dem nicht:
Innerhalb von drei Wochen wurden bis heute etwa hundert obdachlose Sans-Papiers geimpft, wobei man in St. Petersburg doch über 60’000 zählt…
Was wollen Sie? Es gibt keinerlei Möglichkeit einer Massenimpfung für Personen, die keine Ausweise besitzen. Wir haben es Dutzende Male mit den Verantwortlichen versucht, die Antwort ist immer dieselbe: keine Papiere, keine Impfung.

Total stur
Die Weigerung des Staates, Bürger ohne Ausweise zu impfen, scheint zumindest seltsam.
Weshalb diese Einstellung, fragt sich Daniil Kramorov ?
Absurd, aber die Antwort ist einfach.
Da die obdachlosen Sans-Papiers für die Verwaltung nicht existieren, stellt sich die Frage, ob man sie impfen soll, gar nicht.

Helfen Sie uns, ihnen Humanität zu geben.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.