So viel Schnee, eine so grosse Kälte!

Die Windböen in dieser Januarnacht sind unglaublich heftig. Es ist ein Wunder, dass das Überlebenszelt nicht davonfliegt. Den obdachlosen Sans-Papiers, die darin Schutz gefunden haben, fällt es schwer, Schlaf zu finden. Trotz der Müdigkeit, die sich nach einem weiteren Tag des Überlebens im Schneegestöber aufgestaut hat, hält sie das Tosen des Wintersturms wach.

Wie überleben?
Der Nachtbus kämpfte sich zum Zelt durch, überwand die Schneeverwehungen und brachte warmes Essen.
Man kann nicht anders, als an all die Menschen zu denken, die dem Blizzard schutzlos und mit leerem Magen ausgeliefert sind. In Moskau und Sankt Petersburg gibt es Tausende von ihnen, und zweifellos wird am Morgen die Liste der Erfrorenen länger geworden sein.
Unsere Überlebenszelte, unsere Notunterkünfte und unsere Aufnahmezentren werden überrannt. Jede Nacht machen wir das Menschenmögliche, um Leben zu retten.
Wir müssen Leute abweisen. Das beweist – wenn es denn noch einen Beweis bräuchte – das riesige Bedürfnis dieser Art von Hilfe, betont Daria Baibakova, die Präsidentin von Nochlechka Moskau.

In dieser Stadt sorgen sich gewisse Politiker in der kalten Jahreszeit darum, wie man den Wildtieren helfen und ihnen Schutz bieten kann. Was jedoch die obdachlosen Sans-Papiers betrifft, da gibt es kaum etwas.

Hinzu kommt, wie wir feststellen konnten, dass die von der Moskauer Verwaltung zur Verfügung gestellten Räumlichkeiten die Obdachlosen eher abschrecken, sagt Daria weiter. Hoffen wir trotzdem, dass unter den aktuellen klimatischen Bedingungen diese Unterkünfte ebenfalls ihren Anteil an Schutzbedürftigen erhalten.
Ich möchte auch daran erinnern, dass unsere Organisation, die täglich Hunderten von obdachlosen Sans-Papiers hilft, keine finanzielle Unterstützung seitens der Behörden erhält, und dies obwohl wir alle sozialen Aufgaben übernehmen, die der Staat dieser Kategorie von Bürgern zukommen lassen müsste.

Die Überlebenden
In diesem Schneesturm, der nicht aufhört, am Zelt zu rütteln, erzählen die aus der Kälte Geflüchteten:
Viktor: Meine Beine tun mir teuflisch weh. Ich leide an Druckgeschwüren, die nicht verheilen. Ausserdem habe ich überall Schwielen an den Fusssohlen von den langen Fussmärschen durch die Stadt in nassen Schuhen. Ich hatte keine Möglichkeit, sie irgendwo mal trocknen zu lassen.
Meine Turnschuhe sind völlig ungeeignet für den Winter. Ich habe immer nasse Füsse und muss sie deshalb ständig bewegen, sonst frieren sie ein.
Zum Glück habe ich hier Zuflucht gefunden, und Nochlechka wird mir Schuhe geben, die besser an die Kälte angepasst sind. Ich werde auch neue Socken bekommen und ein paar blaue Schuhüberzieher, wie man sie in den Spitälern antrifft. So bekomme ich keine nassen Füsse mehr. Ein Trick fürs Überleben, zu dem mir die ehrenamtlich arbeitende Ärztin geraten hat, ergänzt Viktor und lächelt scheu.

Elena erzählt uns von ihrem sozialen Abstieg, der dazu führte, dass sie allein auf der Strasse lebt, wo sie der Feuchtigkeit, dem Winter und der Kälte ausgesetzt ist. Vor drei Monaten ist Boris, mein Partner, gestorben. Wir teilten uns ein Zimmer in der Wohnung seiner Familie. Kaum war er unter der Erde, als mich die Schwäger, die Schwägerinnen und meine Schwiegermutter auf die Strasse gesetzt haben. Von einem Moment zum andern hatte ich nichts mehr und musste versuchen zu überleben.
Sie wissen nicht, was es heisst, dem schlechten Wetter ausgesetzt zu sein: Alles ist nass, unsere Klamotten, der ganze Körper. Wenn der Wind aufkommt, gefriert alles, man muss losmarschieren, laufen, um nicht zu krepieren.
Wir sind keine Menschen mehr, nicht mal Tiere, weniger als nichts, nur reine Verzweiflung.

Andrei hat seine Papiere verloren und er sagt uns, dass er seit vier Wochen auf der Strasse lebt. Der Winter hat mich überrascht, mir alles genommen. Es ist wirklich sehr schwierig, zurecht zu kommen.
Ausserdem habe ich Hepatitis C. Ich müsste mich behandeln lassen, aber Sie wissen ja, ohne Papiere keine Behandlung.

Valaya beteuert, dass sie nicht immer ein so elendes Leben geführt habe. Vor langer Zeit war ich eine richtige Bürgerin. Aber jetzt im Winter zeigt sich das Scheitern meiner Existenz. Ohne weitere Worte flüchtet sich Valaya ins Schweigen, so als hätte sie schon zu viel gesagt.

In Sankt Petersburg und in Moskau gibt es Zehntausende Menschen wie Valaya, Andrei, Elena und Viktor, die unter unwürdigen Bedingungen überleben müssen.

Wir versuchen, ihnen so gut wie möglich zu helfen. Ohne Sie und ohne Ihre unerlässliche finanzielle Unterstützung könnten wir nichts erreichen.
Im Winter ist unsere Aufgabe noch grösser als sonst. Unterstützen Sie uns. Sie retten Leben.

Wichtig: Trotz des Boykotts ist es uns weiterhin möglich, Ihre finanzielle Unterstützung weiterzuleiten.

 

 

 

 

 

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