Jewgeni, rechtlos

Vor bald einem Jahr ist unsere Mutter Irina an einem Herzinfarkt gestorben. Ich wohnte bei ihr, erzählt Jewgeni, 45-jährig, Berufsfahrer. Trotz meiner Rechte als Erbe warfen mich meine beiden Schwestern und mein Bruder aus der Wohnung. Und bald darauf stand ich auf der Strasse.

Ein langer Abstieg
Als ich meinem Chef davon erzählte, hat er mich sofort entlassen. Er wollte keinen Mitarbeiter ohne gültige Papiere, fährt Jewgeni fort.
In Russland sind die persönlichen Rechte seltsamerweise nicht an die Person gebunden, sondern an ihren Wohnsitz. Um eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung zu erhalten, muss man entweder Eigentümer sein oder die Zustimmung des Eigentümers haben. Wenn man keinen Wohnsitz hat, wird man nicht registriert und erhält keine Propiska. Eine Person ohne Registrierung kann weder legal arbeiten, noch eine Wohnung mieten, noch vor Gericht gehen. Und es gibt noch viele weitere Verbote.
Ich hatte einige Ersparnisse und konnte in einer Herberge ein Zimmer mieten. Diese Unterkünfte sind nicht allzu pingelig, was Identitätspapiere anbelangt. Nach einigen Wochen war ich jedoch pleite. Ich konnte keine Arbeit finden ohne diese verdammten Papiere und stand auf der Strasse.

Improvisation, um zu überleben
Ich fand am Bahnhof von Moskau einen Unterschlupf. In der ersten Nacht wurde mir alles gestohlen. Ich hatte nicht mal mehr einen Ausweis. Gar nichts mehr. Eine echte Katastrophe. Ich konnte nichts dafür und musste es einfach akzeptieren.
Man lernt zu betteln, die Abfalleimer zu durchwühlen, Trinkwasserstellen und Schlafstellen ausfindig zu machen und öffentliche Orte, an denen man Zuflucht finden kann, wenn das Wetter allzu garstig ist.
Dein Gesundheitszustand wird immer schlechter. Du beginnst zu trinken, um es auszuhalten, um diesen höllischen Abstieg zu verdrängen. Je mehr Tage und Wochen vergehen, desto mehr wirst du zu einem Wrack. Du fühlst, wie deine Lebensenergie verpufft, wie dein Körper, dein ganzes Wesen implodiert.

Wieder aufleben
In der Orientierungslosigkeit, in der ich lebte, hörte ich eines Tages, wie eine Leidensgenossin von Nochlechka sprach. Sie erzählte davon, dass Lebensmittel verteilt würden, dass jede Nacht ein Bus in der Nähe der Metrostation Prospekt Slawi beim Eisenbahnquai Sortirowotschnaja vorbeikomme.
Am nächsten Abend ging ich dorthin und alles wurde anders. Ich erhielt nicht nur warmes Essen, sondern auch die Adresse des Aufnahmezentrums von Nochlechka und ein Metroticket, um dorthin zu fahren. Das habe ich dann auch gemacht.
Dort haben sie mich aufgenommen, mir eine Unterkunft gegeben. Ein Anwalt hat damit begonnen, mir wieder eine amtliche Identität zu verschaffen. Man hat mich von meiner Sucht befreit und mir wieder auf die Beine geholfen. Sie haben mir sogar eine Arbeit besorgt, als es mir besser ging, erzählt Jewgeni zum Schluss.
Ja, wir haben Jewgeni aufgepäppelt, erklärt Mascha Muradowa, unsere Sozialarbeiterin. Dank unserer Kleiderausgabe, unseren Duschen, dem Coiffeur, den Sozialarbeiterinnen konnte Jewgeni langsam wieder optimistisch in die Zukunft blicken.
Heute arbeitet Jewgeni auf dem Bau und wartet darauf, dass er all seine Papiere zurückerhält. Sobald er sie wieder hat, kann er sich nach einer Stelle als Fahrer umsehen und eine Wohnung suchen. Bis dahin wohnt Jewgeni bei uns, erklärt Mascha Muradowa weiter.

Unsere Aufgabe ist riesig. Helfen Sie uns, mehr Menschlichkeit zu schaffen.

Wichtig: Trotz der Boykottmassnahmen können wir unsere finanzielle Hilfe weiterführen, die heute dringender denn je ist.