In erster Linie sind sie Opfer

Die Passanten betrachten sie argwöhnisch, angewidert von ihrem verwahrlosten Aussehen, ihren zerlumpten Kleidern.
Zum Glück bin ich nicht so, denken viele Bürger, wenn sie solchen Menschen begegnen. Ich habe eine Arbeit, eine Wohnung, ein stabiles Umfeld, nicht wie sie. Das sind doch alles nur Arbeitsscheue und Trinker. Wenn die Leute wüssten, wie einfach es ist, obdachlos und papierlos zu werden, dann würden sie vermutlich ihr Urteil revidieren.

Der Tag der Solidarität
Am 30. März organisiert Nochlechka den Tag der Obdachlosigkeit, eine Gelegenheit, die Bürgerinnen und Bürger von Sankt Petersburg und Moskau zu sensibilisieren und die überspitzten Klischees zu überwinden.
Aber das ist noch nicht alles.

Kunst und Obdachlosigkeit
Für Nochlechka und für den Direktor des Eremitage-Museums, Michail Piotrovski, haben die Unsicherheit und die Zerbrechlichkeit des Lebens als Obdachloser einige Ähnlichkeiten mit der Kunst.
Tatsächlich helfen die Museen den Leuten, erklärt Michail Piotrovski, nicht indem sie moralisieren, sondern indem sie ein Beispiel geben. Kunstwerke haben immer eine «Biographie», die manchmal chaotisch und komplex ist. Sie irren oft ziellos durch die Welt, aber die Museen helfen ihnen, ihren Platz zu finden. Nochlechka macht dasselbe mit den Obdachlosen.
In den 1960-er Jahren zum Beispiel hat ein Bewohner von Tallin der Eremitage vorgeschlagen, ihm das Bild «Die Beweinung Christi» abzukaufen. Es war eingerollt, schmutzig und ohne Rahmen. Eine Untersuchung zeigte, dass es sich um ein Werk von Jacques Bellange handelte, einem Künstler vom Hof des Herzogs von Lothringen, dessen Werke fast alle nicht überlebt hatten. Das Gemälde wurde restauriert und hat in der Sammlung des Museums einen ihm gebührenden Platz gefunden.
Man kann Parallelen ziehen mit der Arbeit von Nochlechka, die es den Obdachlosen ermöglicht, ein würdiges Leben zu führen, betont Michail Piotrovski.

Gestützt auf dieses Konzept und im Rahmen des 30. März wurde von Nochlechka und vier Museen von Sankt Petersburg und Moskau eine gemeinsame Kampagne lanciert mit dem Titel «Kunst ohne Zuhause oder Wie Objekte zu einer Ausstellung werden». Die beteiligten Museen sind das Museum des russischen Impressionismus, das jüdische Museum und Zentrum für Toleranz, das Museum von Moskau und die Eremitage.
Alle Erträge aus dem Ticketverkauf werden in Projekte von Nochlechka fliessen.

Keine Propiska
In Russland werden merkwürdigerweise die individuellen Rechte nicht an die Person, sondern an ihren Wohnort geknüpft. Ohne Wohnort keine Rechte.
Eine Person ohne Wohnort hat keine Propiska, ist also nicht registriert. Demzufolge kann sie keine Wohnung mieten, nicht legal arbeiten, keine Unterstützungsgelder für ihre Kinder, keine Invaliden- oder Altersrente beziehen, sie kommt nicht in den Genuss der kostenlosen medizinischen Hilfe und sie kann kein Gericht anrufen.
Eine Person ohne Papiere wird daher sehr schnell auch obdachlos.

Wer sind diese Menschen?
Derjenige, der nicht genug Geld hatte, um seine Miete zu bezahlen, als er plötzlich entlassen wurde? Derjenige, der auf Betrüger hereineingefallen ist und ihnen das Wenige, das er hatte, gegeben hat? Derjenige, der von seinem Arbeitgeber hereingelegt wurde? Diejenige, welche die Gewalt in der Familie nicht mehr ertrug und von zuhause geflohen ist? Diejenigen, die in eine andere Stadt gezogen sind und ihre Propiska nicht finden konnten oder nicht wussten, wie sie zu beschaffen wäre? Diejenigen, die gerade aus dem Gefängnis entlassen worden sind? All diese Menschen und noch viele andere sind obdachlos geworden.
Der Tag der Solidarität ermöglicht es, den Obdachlosen eine Stimme zu geben, so dass sie ihren Mitbürgern erklären können, warum sie in ihrem eigenen Land zu Heimatlosen geworden sind und warum das jedem und jeder passieren kann.
Eine obdachlose Person hat Mühe, über sich zu sprechen. Sie schämt sich,
sagt Daria Baibakova, die Direktorin von Nochlechka Moskau. So ist es, flüstert Alexej, der seit drei Jahren auf der Strasse überlebt. Glauben Sie, ich habe Lust herumzuposaunen, dass ich die Abfalleimer durchwühle, um Essen zu finden, dass ich meine Nächte an den Bahnhöfen verbringe, dass ich mich an den Tankstellen wasche. Welch ein Elend!

Nochlechka benutzt diesen Tag auch dazu, die Bewohner von Moskau und Sankt Petersburg zu bitten, Lebensmittel und Kleider für ihre Schützlinge zu mitzubringen.

Die Gründe der Obdachlosigkeit sind vielfältig. Beinahe 80% der Obdachlosen sind Opfer des Verwaltungssystems.
Es ist so, dass sich die Verwaltung Russlands im Gegensatz zu jener in den europäischen Ländern kaum um diesen Teil der Bevölkerung kümmert.
Es ist einfach, obdachlos zu werden, aber wieder zu einem normalen Leben zurückzufinden ist ein ungemein schwieriges Unterfangen.

Eine Sisyphusarbeit
Seit 35 Jahren in Sankt Petersburg und seit 5 Jahren in Moskau führt Nochlechka zahlreiche Programme durch, welche die physische, administrative, soziale und psychologische Rehabilitation der Papierlosen und Obdachlosen zum Ziel hat.
Es sind Aktionen, welche den Betroffenen den Zugang zu elementarer medizinischer Versorgung und zu Grundnahrungsmitteln verschaffen und es ihnen ermöglichen, wieder eine administrative Identität zu erlangen, eine Arbeit zu finden, eine Alters- und Krankenversicherung zu erhalten und eine Wohnung oder einen Platz in einem Altersheim.
Jedes Jahr sind es Tausende von Menschen, die Nochlechka unterstützt.

Die Zahl der Abgehängten ist riesig
In Sankt Petersburg müssen mehr als 60’000 russische Bürgerinnen und Bürger als obdachlose Sans-Papiers unter miserablen Bedingungen überleben. In Moskau sind es ebenfalls mehrere zehntausend.

Unsere Aufgabe ist riesig. Helfen Sie uns, mehr Menschlichkeit zu schenken.
Immer noch herrscht eine grosse Kälte.

Wichtig: Trotz des Boykotts ist es uns möglich, Ihre finanzielle Unterstützung weiterzuleiten.

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