Ein Wiedersehen

Wen habe ich kürzlich in der Metro angetroffen? Denis, einen ehemaligen Obdachlosen, der vor zwei Jahren in erbärmlichen Zustand zu uns kam.
Erinnern Sie sich an mich? fragt er zu Beginn. Natürlich erinnere ich mich an Sie, erwidert Dasha, Sozialarbeiterin bei Nochlechka.

Von Grund auf
Was für ein Freude zu sehen, wie glücklich und entspannt Denis ist, wie er wieder ein normales Leben führen kann, sagt Dasha weiter.
Ich erinnere mich an jenen März im Jahr 2024, als er sich in einem kritischen Zustand am Empfang meldete und uns um einen Platz im Wiedereingliederungszentrum bat. Ansonsten würde er um sein Leben bangen, sagte er mir.
Das hatte seinen Grund. Schon im Jahr 2023 wohnte Denis in unserem Zentrum. Er blieb nur kurz, etwa zwei Monate, dann verschwand er.
Der zweite Versuch gelang, aber es war sehr hart, erinnert sich Denis. Bevor ich die Therapie beginnen konnte, musste ich eine Entzugskur machen. Bei Nochlechka muss man nüchtern sein, um am Rehabilitationsprogramm teilnehmen zu können. In dieser Beziehung sind sie extrem streng. -> Siehe den Artikel “Giftige Dämpfe“.

Die Rehabilitation
Das Projekt basiert auf den Prinzipien des Vereins der Anonymen Alkoholiker.
Die Rehabilitation besteht aus Einzel- und Gruppensitzungen mit Suchtberatern und Psychologinnen. Die täglichen Treffen der Teilnehmer/-innen werden von Fachleuten geleitet, aber auch von ehemaligen Obdachlosen, die selbst abhängig waren, ihre Sucht jedoch überwunden haben. Die Patienten erhalten medizinische Versorgung, Unterkunft und Verpflegung. Die maximale Aufenthaltsdauer beträgt sechs Monate.
Ich muss gestehen, dass es ganz und gar nicht einfach war. Es gab Momente, da wollte ich einfach nur davonlaufen. Aber ich habe durchgehalten und hier stehe ich nun, sagt Denis.
Ich habe meinen früheren Beruf als Buchhalter wieder aufgenommen. Das verdanke ich auch den Anwälten von Nochlechka. Sie haben mir meine Identitätspapiere wieder beschaffen können. Und dann ist da auch noch Dasha. Sie hat mich stark unterstützt, begleitet und ermutigt bei der Arbeitssuche.

Vorher
Nach der Trennung von meiner Partnerin stand ich auf der Strasse, erklärt Denis. Mir schien, dass unsere Beziehung gut lief. Wir hatten beide einen Job, ich als Wirtschaftsprüfer, sie als Filialleiterin in einem Supermarkt. Aber eines Tages wollte Nadja, so hiess sie, dass ich sofort ausziehe. Sie hatte jemand anders kennengelernt, und da die Wohnung auf ihren Namen lautete, konnte ich nichts anderes tun als zu gehen. Ich zog in eine Herberge. Das erfuhr mein Arbeitgeber und er entliess mich, denn durch den Verlust einer festen Wohnadresse verlor ich auch meine Propiska, meine administrative Identität.
Sehr rasch landete ich auf der Strasse, es war der totale Absturz, ein schrecklicher Kampf ums Überleben mit Alkohol- und Drogenkonsum. Aber da war ich nun.

Ein neuer Anfang
Ich erinnere mich an diese schwierigen Momente im Zentrum, bestätigt Dasha. Bevor wir uns darum kümmerten, eine Arbeit für ihn zu finden, versuchte ich ihm zu helfen, eine besonders schmerzhafte Phase zu überwinden. Es fiel mir schwer, die richtigen Worte zu finden. Denis stand am Rande eines Nervenzusammenbruchs, die Stimmung war bedrückend. Er war erschöpft, aber er hat alle diese schweren Prüfungen gemeistert. Bravo.
Es ist wichtig zu wissen, dass die Leiter der Beratungsstellen in Moskau und Sankt Petersburg sowohl die Funktion eines Sozialarbeiters als auch eines Beraters einnehmen.
Gemeinsam haben wir einen Arbeitsplan ausgearbeitet, unzählige Stellenanzeigen durchgelesen, zahlreiche Bewerbungsschreiben verschickt, an Bewerbungsgesprächen teilgenommen und viel Energie aufgewendet, um die zahlreichen Absagen zu verkraften.
Natürlich ist es für einen ehemaligen obdachlosen Sans-Papiers nicht selbstverständlich, in die Arbeitswelt aufgenommen zu werden. Es herrscht vor allem ein grosses Misstrauen gegenüber Menschen, die vom Leben auf der Strasse weggekommen sind. Aber wir haben es geschafft.
Heute begegnen wir uns, wenn jeder für sich zur Arbeit geht. Gibt es ein besseres Symbol der Resozialisierung? Das fragt Dasha zum Schluss.

Unsere Aufgabe ist riesig. Helfen Sie uns, Menschenleben zu retten.

Wichtig: Trotz der Boykottmassnahmen können wir unsere finanzielle Hilfe weiterführen.