Europäischen Studien über obdachlose Frauen zufolge sind ältere Frauen häufiger Gewalt seitens ihrer Familie ausgesetzt und landen eher auf der Strasse.
Die 75-jährige Olga wird diese Statistik sicherlich nicht widerlegen. Olga ist Opfer ihrer schizophrenen Tochter und lebt auf der Strasse.
Ein Schlachtfeld
Olga erzählt uns ihren Leidensweg. Seit Wochen verschlimmerte sich der Zustand meiner Tochter Irina immer mehr. Zuerst waren es böse, beleidigende und grobe Worte, dann begann sie mich zu misshandeln und schliesslich zu schlagen. In meinem Alter ist es schwierig, sich gegen eine Furie zu wehren. Wissen Sie, Irina hat während ihrer Krisen unglaublich viel Kraft.
Irina nahm alles, was gerade in ihrer Nähe war, in die Hand, um mich zu schlagen. Die Wohnung ist heute nur noch ein Trümmerfeld.
Ich wollte lieber fliehen und wie eine Bettlerin leben als Anzeige gegen meine eigene Tochter zu erstatten. Können Sie sich das vorstellen, gegen meine eigene Tochter? Sie würde in eine Anstalt eingewiesen werden, ruft Olga unter Tränen aus.
Die Freiwilligen des Nachtbusses versuchen, Olga zu beruhigen und raten ihr, zum Aufnahmezentrum zu gehen, wo die Sozialdienste sie gut beraten können.
Ohne Wasser
An einer anderen Haltestelle des Nachtbusses steht die 68-jährige Natascha. Auch sie leidet unter den Misshandlungen ihrer Familie.
Ich lebte mit meiner Nichte Maria und ihrem Mann Georg in der Wohnung meiner Schwester Polina. Polina litt lange an Hautkrebs. Sie ist vor vier Monaten gestorben. Ich hatte meine kleine Wohnung aufgelöst und meine Stelle aufgegeben, um näher bei meiner Schwerster Polina zu sein und sie zu pflegen. Das war kein Problem, solange ich mich der täglichen Pflege meiner Schwester widmete. Das Paar beachtete uns nicht.
Aber seit ihrem Tod werde ich immer schlechter akzeptiert. Die Beleidigungen hören nicht auf. Ich habe eine sehr kleine Rente, mit der es mir unmöglich ist, ein Zimmer zu mieten. Wegen der Inflation und der Wohnungskrise sind die Mietzinsen astronomisch hoch. Ich bin von Georg und seinem guten Willen abhängig.
Er erklärte, dass ich zu viel kostete und verbot mir, mich zu waschen, da das Wasser teuer sei. Was das Essen angeht, so habe ich jeden Tag Hunger. Deshalb stehe ich jeden Abend bei der Essensabgabe des Nachtbusses an.
Ein Freiwilliger schlägt ihr vor, zum Aufnahmezentrum zu gehen. Es würde ihr dort viel besser gehen und sie wäre in Sicherheit.
Das Gesetz des Stärkeren
Beim Nachtbus herrschen gewisse Regeln bei der Ausgabe von Essen und Medikamenten. Zuerst kommen die älteren Leute und die Behinderten dran. Aber nicht immer ist es einfach, diese Reihenfolge einzuhalten. Die Männer schimpfen und drängeln manchmal.
Die Freiwilligen und der Fahrer müssen eingreifen. Dabei stellen sie fest, dass die Alten und die Gebrechlichen kaum respektiert werden. Kaum drehen wir uns um, werden sie wieder drangsaliert, sagt Dimitri, der an jenem Abend als Freiwilliger im Einsatz ist.
Diese Frauen unterstützen
Diese älteren Frauen neigen – ebenso wie ihre jüngeren Geschlechtsgenossinnen -stark dazu, beim Täter zu bleiben und seltener Hilfe in Anspruch zu nehmen. Und wenn sie es dann endlich wagen zu fliehen, sind sie durch den Verlust ihrer Wohnung einem noch grösseren Stress ausgesetzt als Männer. Für diese älteren Frauen ohne Obdach und ohne Papiere ist das Überleben eine echte Qual, die Auswirkungen auf ihren körperlichen und psychischen Gesundheitszustand sind schwerwiegend. Gemäss der oben genannten Studie waren 93 % der älteren obdachlosen Frauen Opfer sexistischer Gewalt.
An jedem Tag der Woche verteilt unser Nachtbus warme Mahlzeiten, erbringt erste medizinische Hilfeleistungen, bietet Beratung an und schenkt Menschlichkeit.
Wir tun alles, um den Obdachlosen zu helfen. Unsere Aufgabe ist riesig. Unterstützen Sie uns, damit diese Menschen wieder Hoffnung schöpfen können.
Wichtig: Trotz der Boykottmassnahmen können wir unsere finanzielle Hilfe weiterführen.