Heute Abend ist aber schön viel los, bemerkt Oleg Kononenko, der Fahrer des Nachtbusses. Die Schlange der Hungrigen, die im Scheinwerferlicht des Fahrzeugs anstehen, ist eindrücklich.
Schon seit einigen Wochen fällt auf, dass nicht nur die obdachlosen Sans-Papiers zu unserer Lebensmittelabgabe kommen, sondern auch ganz normale Männer und Frauen in Not, fügt Oleg Kononenko an.
Die Krise trifft jede und jeden
Vier Jahre nach dem Einmarsch in die Ukraine sind die wirtschaftlichen Folgen des Krieges in der russischen Bevölkerung spürbar.
Seit drei Jahren habe ich keinen Laden mehr betreten, sagt Dimitri, ein ehemaliger Arzt in Rente. Für mich wie für viele meiner Landsleute wird alles zu teuer, so dass wir mit unserer Rente nicht mehr über die Runden kommen. Wir schränken alle Ausgaben ein, sogar die allernötigsten, aber es hilft nicht. Um nicht zu verhungern, bin ich trotz der fürchterlichen Kälte rausgegangen. Draussen steht der Nachtbus, wo wir etwas zu essen bekommen.
Starker Preisanstieg für Grundnahrungsmittel
Seit dem 24. Februar 2022 bis heute beträgt die durchschnittliche Inflationsrate in Russland insgesamt 34,8%. Einige Lebensmittel sind besonders betroffen: Zwiebeln (+87%), Kohl (+56%), Kartoffeln (+250%) und Milchprodukte (+41%).
Die Preise für Gurken und Essiggurken sind spektakulär in die Höhe geschnellt und zu einem Symbol für die Kriegsinflation geworden. Im Februar 2026 erreichten die Preise dieser typischen Produkte der russischen Küche ein Niveau, das mit dem für Fleisch vergleichbar ist.
Schwierige Situation am Monatsende
Zwischen Januar 2024 und Januar 2026 stieg der durchschnittliche Warenkorb für Lebensmittel um 18,6%. Dieser starke Preisanstieg lastet schwer auf der Kaufkraft der Rentnerinnen und Rentner.
Nina, eine 77-jährige Ingenieurin, erklärt, dass auch sie nicht mehr im Supermarkt einkaufen kann. Entweder sie verzichtet auf eine Mahlzeit, oder sie geht zum Bus, wenn sie es nicht mehr aushält. Zinaïda, eine 68-jährige ehemalige Kinderärztin, erklärt, dass ihre monatliche Rente 26’400 Rubel (etwa 270 CHF) beträgt. Im Lauf der letzten drei Jahre haben sich die Preise für Lebensmittel enorm verschlechtert, stellt sie fest. Auch wenn unsere Renten um 39,4% gestiegen sind (kumuliert seit Februar 2022), so fällt es uns doch sehr schwer, über die Runden zu kommen, fügt Nina an.
Immer mehr hungrige Mäuler zu stopfen
Es besteht kein Zweifel, betont Oleg Kononenko, mit jeder Woche, die vergeht, steigt die Zahl der Menschen, die kommen. Hungrig drängen sie sich zu unseren Abgabestellen. Es ist nicht leicht, diesen Zustrom zu bewältigen und die winterliche Kälte macht die Sache auch nicht besser, fährt Oleg fort. Unsere Ressourcen sind kaum ausbaufähig, und wir können die Leute auch nicht mehr zweimal versorgen. Wir bedauern das sehr, aber bei dieser Kälte müssen alle etwas zu essen bekommen.
Wladimir, ein obdachloser Sans-Papiers, dem man seine 48 Jahre gut ansieht, ein Stammkunde des Nachtbusses, hält einen Teller heisse Suppe in der Hand. Auch er bemerkt diesen neuen Zustrom.
Es ist kaum zu glauben, dass wir heute Seite an Seite mit bedürftigen Mitbürgern anstehen. Noch vor kurzer Zeit hätten wir sie nie getroffen. Vermutlich hätten die meisten von ihnen uns mit Abscheu betrachtet.
Wir tun alles, was in unserer Macht steht, um Leben zu retten. Helfen Sie uns.
Wichtig: Trotz der Boykottmassnahmen können wir unsere finanzielle Hilfe weiterführen.