Den obdachlosen Sans-Papiers zu helfen ist eine ständige Aufgabe. Daria Baibakowa, die Direktorin von Nochlechka in Moskau, würde dem sicher zustimmen, zumal sie seit einigen Monaten Mutter ist.
Daria ist weiterhin voll im Einsatz, begleitet von der sieben Monate alten Marusia. Sie erzählt uns aus ihrem neuen Alltag.
Alleinige Chefin
Die Erfahrung als alleinerziehende Mutter ist eine Entscheidung, zu der ich voll und ganz stehe. Es stimmt, dass dies nicht immer von allen verstanden wird.
Im Jahr 2025 brachte ich Marusia auf die Welt dank einer In-vitro-Fertilisation mit gespendeten Keimzellen. Meine Angehörigen haben mich bei diesem Entschluss unterstützt. Aber obwohl ich die uneingeschränkte Unterstützung meiner Familie habe, so bedeutet das Wesen dieser Mutterschaft, dass die ganze Verantwortung allein bei mir liegt und ich alle Entscheidungen selbst treffen muss.
Und selbst wenn man sich eine Kaffeepause gönnt, um in aller Ruhe etwas zu lesen, so verlässt einen diese Verantwortung nie, erklärt uns Daria.
Immer im Einsatz
Es kam für mich nicht infrage, einen Mutterschaftsurlaub zu beziehen. Die Obdachlosen können nicht warten. Ich habe nicht einen einzigen Tag aufgehört zu arbeiten, aber ich arbeite jetzt teilweise zuhause. Und wenn ich zwei-, dreimal pro Woche ins Büro gehe, kommt Marusia immer mit.
Im Büro wird Marusia manchmal von meinen Kolleginnen auf dem Arm gehalten, wenn ich meine beiden Arme für anderes brauche, als um sie zu tragen. Bald wird sie zu kriechen beginnen, dann zu laufen. Das macht mir keine Sorgen, fährt Daria fort. Meine Tochter wird immer neugieriger und selbständiger werden. Vielleicht muss ich sie in ein Laufgitter stecken. Aber was ich in den letzten sieben Monaten meiner Mutterschaft vor allem gelernt habe, ist, dass man sich täglich an sein Kind und dessen Bedürfnisse anpassen muss, erklärt Daria.
Von den Finanzen zur Obdachlosigkeit
Schon lange ist es her, als ich als Finanzprüferin bei Ernst & Young arbeitete. Was ich dort lernte, war sehr nützlich, um Nochlechka zu führen.
Daria ist wirklich ein Profi, wie eine ihrer Mitarbeiterin es ausdrückt.
Trotz ihrem sehr systematischen und strengen Vorgehen spürt man bei Daria eine natürliche Einfachheit. Ihre menschliche Wärme interagiert mit uns, mit den Obdachlosen und mit den finanziellen Partnern. Daria überträgt ganz konkret die Freude, die ihr die Arbeit macht, auf uns. Jetzt noch mehr, seit sie in Begleitung ihrer Tochter Marusia ist.
Die Kunst des Improvisierens
Ich bin meinen Kolleginnen und Kollegen sehr dankbar für ihre Unterstützung, sagt Daria Baibakowa. Wenn ich zuhause bin und eine Sitzung über Zoom habe, so stört es sie nicht, dass ich mit Marusia auf dem Gymnastikball schaukle, von oben nach unten, von unten nach oben. Wir haben nur eine einzige Abmachung: Wenn sie seekrank werden, schalte ich die Kamera aus, sagt Daria lachend.
Ich habe auch ein spezielles Gerät für den Kinderwagen gekauft. Das ermöglicht es, ein Handy für Videokonferenzen zu befestigen. Ich stosse den Wagen und kann gleichzeitig ins Handy sprechen. Ich habe gut gelernt, dabei im Bildschirm der Kamera sichtbar zu bleiben.
Keine Pause
Heute hat Daria kaum Zeit, ihre Jacke und die Kleider von Marusia auszuziehen, bevor die erste Sitzung beginnt. Irina Warnawskaja, die Ministerin für Arbeit und soziale Entwicklung in der Region Omsk, besucht Nochlechka.
Wir haben Dutzende von Regionen untersucht und festgestellt, dass Omsk als erste bereit ist, massgebliche Veränderungen im System der Obdachlosenhilfe umzusetzen.
Das ist aussergewöhnlich und stellt eine grosse Herausforderung dar. Wir hoffen, dass 2026 erste konkrete Resultate und Berichte über die Unterstützung der obdachlosen Sans-Papiers vorliegen werden, erklärt Daria.
Marusia, weit entfernt von diesen Überlegungen, nimmt im Arm ihrer Mutter am Besuch teil. Sie schaut aus dem Fenster, beisst an einem Spielzeug herum, sieht sich im Spiegel und lacht.
Fortsetzung nächste Woche
Unsere Aufgabe ist riesig. Helfen Sie uns, Leben zu retten. Der Winter ist da.
Wichtig: Trotz der Boykottmassnahmen können wir unsere finanzielle Hilfe weiterführen.