Krieg gegen die Wohltätigkeit

Welche Zukunft erwartet Nochlechka angesichts der Sanktionen, die der Westen verhängt hat und die Russland treffen.
Grigory Swerdlin, der ehemalige Direktor von Nochlechka im Exil, teilt uns im langen Gespräch, das er dem Media Medusa geführt hat, seinen Pessimismus mit.
Das Interview vollzieht auch die letzten Stunden von Grigory in St. Petersburg und seine Reise nach Georgien nach.

Was wird passieren?
Die durch Covid und andere Faktoren verursachte Wirtschaftskrise der letzten Jahre wird sich verstärken, brutal vielleicht, erklärt uns Grigory Swerdlin.
Und Grigory ergänzt: als ausgebildeter Ökonom verstehe ich, dass sie auf alle Fälle stärker geworden wäre, aber jetzt wird der Schaden rasant noch schlimmer.
Zahlreiche westliche Unternehmen verlassen Russland, die Leute verlieren ihre Arbeit, die Unternehmen verlieren Kunden, die Sanktionen beeinträchtigen die russischen Unternehmen, wo in erster Linie die karitativen und Marketing-Budgets reduziert werden.

Starker Rückgang der finanziellen Unterstützung
In dieser Flaute haben gewöhnliche Leute, die uns über all die Jahre finanziell unterstützt haben, vielleicht bereits ihre Stelle verloren. Und selbst wenn sie diese nicht verlieren, steigen die Preise und die Löhne folgen den Preissteigerungen nicht, was bedeutet, dass die Leute ganz einfach kein Geld mehr haben für die Wohltätigkeit.
Hoffen wir mindestens, dass wenigstens jene, die uns noch unterstützen können, es grosszügig tun.
In der Tat wird sich die Nachfrage für Sozialhilfe erhöhen.

Die Kollateralschäden
Bereits 2014-2015 haben wir nicht wenigen aus der Krim und dem Donbass kommenden Leute geholfen. Unnötig, uns etwas vorzumachen, dieses Phänomen wird sich wiederholen, sich verstärken.
Denken wir nur an jene, die ihre Stelle verloren haben und damit die Möglichkeit, eine Unterkunft zu mieten.
Verlust der Arbeitsstelle, Unterkunft verloren, und man steht auf der Strasse.
Diese Krisenart trifft an erster Stelle immer die anfälligsten Personen. Sie haben keinen Airbag, keine Eltern, keine Familie, keine Freunde, die für ihre Bedürfnisse aufkommen können.
Ja, ich befürchte, dass Nochlechka einer grösseren Nachfrage mit bescheideren Mitteln gegenüberstehen wird.
Ich denke, dass bis zum Jahresende die Spenden der juristischen Personen um die Hälfte zurückgehen werden, jene der Privatpersonen um ungefähr einen Drittel.
Dies ist eine optimistische Schätzung, unterstreicht Grigory Swerdlin.

Die globale Unterstützung bald abgeschnitten?
Über all die Jahre hat Nochlechka in St. Petersburg ein umfassendes Hilfssystem für die obdachlosen Sans-Papiers auf die Beine gestellt. Es funktioniert gut.
Die Benachteiligten können Essen und Hilfe erhalten, können sich waschen, ihre Kleider reinigen, Kleider bekommen, ihre gesetzliche Identität zurückerlangen, eine Wohnung, eine Arbeit, ihre Rente bekommen, usw.
Im letzten Jahr hat Nochlechka einer grossen Anzahl Personen geholfen. In Moskau und St. Petersburg haben 8’561 Leute Unterstützung erhalten.

Wir hoffen, dass im Laufe der nächsten zwei Jahre Nochlechka Moskau ebenfalls diese Palette von Dienstleistungen anbieten kann. Aber jetzt, mit dem Krieg…
Meine Kollegen werden viel mehr Arbeit haben und weniger Mittel.

Weniger Wohltätigkeit
Es ist schwierig zu sagen, was mit den staatlichen Subventionen geschehen wird: viele der russischen Vereinigungen hängen davon ab, vor allem die regionalen nicht gewinnorientierten, für die diese Spenden die einzige Geldquelle ist.
Ich fürchte, dass in ein bis zwei Jahren gewisse Organisationen gezwungen sein werden, zu schliessen.
Es ist zutiefst bedauerlich, dass die positiven Veränderungen der Gesellschaft, an denen die NGOs beigetragen haben, so stark reduziert werden.
Grigory spricht von der Sensibilisierung der russischen Bevölkerung für die Wohltätigkeit.
In der Tat, erklärt er, seit etwa dreissig Jahren haben die Russen gelernt, nicht nur kranken Kindern zu helfen, sondern auch diversen sozialen Gruppen: Gastfamilien, obdachlosen Sans-Papiers, alten Leuten, geistig Behinderten.
Wir werden an einem unvermeidlichen Rückgang der Wohltätigkeit teilnehmen.
Das ist sehr schade.

Weniger Hilfe
Jene, die überleben, werden gezwungen sein, ihre Unterstützung der Benachteiligten einzuschränken.
Die Mehrzahl der erhaltenen Gelder können nicht mehr neuen karitativen Projekten zugewiesen werden, dies in den nächsten Jahren.
Sie werden vor allem dazu dienen, das Erreichte zu konsolidieren und vielleicht lediglich das Wichtigste aufrecht zu erhalten, während gleichzeitig die Nachfrage für Hilfe ansteigt
Welch ein Widerspruch!

Wird die Wohltätigkeit überleben?
Ich bin sehr beunruhigt durch die Möglichkeit eines weissrussischen Szenarios, wo fast alle NGOs, auch die Kinderhospize, letzten Sommer geschlossen wurden.
Es ist klar, dass ein autoritärer oder sogar totalitärer Staat keinerlei öffentlicher Vereinigungen bedarf, nicht nur auf politischer, sogar nicht einmal auf einer karitativen Basis.
Es gab keinerlei öffentliche karitativen Organisationen in der Sowjetunion.
Diese Staaten wollen keine unkontrollierten unabhängige Organisationen.
Dieses Szenario halte ich für durchaus plausibel.

Gegen meinen Willen entwurzelt

Ich musste in meinem Leben zahlreiche schwierige Entscheide treffen, aber dieser, mein Land zu verlassen, war der schmerzhafteste.
Eines bestimmten Momentes habe ich realisiert, dass ich keine Wahl mehr hatte.
In den letzten 10 Jahren habe ich über viele Vorkommnisse geschwiegen. Ich bin nicht oft an Protestkundgebungen gegangen, ich hatte Angst, dass solche Aktionen Nochlechka benachteiligen.
Seit dem 24. Februar 2022 war es aber nicht mehr möglich, zu schweigen.
Beinahe jeden Tag habe ich an Manifestationen teilgenommen, ich bin mit der Aufschrift auf meiner Daunenjacke «Nein zum Krieg» mitmarschiert.
Erstaunlich, ich wurde nicht verhaftet.
Meine Dokumente wurden mehrmals überprüft, entlang des Newski-Prospekts mehrmals Personen neben mir verhaftet.

Schweig oder…
Und dann hat mich ein Freund davon in Kenntnis gesetzt, dass ich auf bestimmten Listen stand und sich die Polizei für mich interessiert.
Ich wurde mir bewusst, dass ich mit meiner bürgerlichen Position Nochlechka stark in Gefahr bringen könnte.
Seit vielen Jahren stellt uns der Staat vor die ganz einfache Wahl:
Entweder halten Sie den Mund und alles geht gut oder Sie öffnen ihn und hüten sich vor den Konsequenzen für Sie, für ihre Arbeit, ihre Familie, ihre Freunde.

Unausstehliches Dilemma
Ich habe nie die Absicht gehabt, irgendwohin auszuwandern. Wenn ich gewollt hätte, wäre ich seit langem gegangen, es gab Möglichkeiten.
Sogar nach dem 24. Februar, als viele bereits flüchteten, habe ich diese Option nicht ins Auge gefasst: wie könnte ich meine Equipe verlassen und die Verteidigung der obdachlosen Sans-Papiers, die ich für sehr wichtig halte?
Aber ich konnte nicht schweigen angesichts von dem, was passierte, es war zu schlimm.
Ich kann den Teil von mir nicht chirurgisch entfernen, der leidet wegen dem, was in der Ukraine passiert und verlangt, dies auf die eine oder andere Art kund zu tun.
Aber ich habe nicht das Recht, eine Organisation aufs Spiel zu setzen, von der das Leben von Tausenden von Obdachlosen abhängt.

Die Flucht
Tagsüber habe ich mit mehreren Kollegen von Nochlechka gesprochen, habe sie gewarnt, habe mich auf die Reise vorbereitet, ich habe von meinen Eltern Abschied genommen und ich bin weggefahren.
Und da ich bereits über das Interesse gewarnrt war, das die Polizei für mich hatte, habe ich das schnellste Mittel gewählt, mit dem Auto über die estnische Grenze.
Ich habe einen israelischen Pass und habe deshalb kein Visum benötigt, ich habe aber Angst gehabt, an der Grenze verhaftet zu werden.

Der Stress als Co-Pilot
Während ich St. Petersburg verliess, ist die Untersuchungskommission und die Polizei zu 80 Personen gekommen. Türen sind aufgebrochen und die Einwohner mit Gewalt in die Haftanstalten mitgenommen worden. Ich habe es erfahren, als ich die Grenze erreichte, Sie können sich vorstellen, das hat mich noch etwas mehr gestresst.
Aber ich habe die russische Grenze ohne Problem passiert. Die Esten haben mich während über einer Stunde kontrolliert. Ich habe noch nie eine solche Inspektion gesehen.
Die Grenzschutzbeamten waren nervös, viele Leute verliessen Russland. Man könnte sagen, dass sich die Zöllner entspannten, als sie mein Ökonomiediplom der Universität Oxford und vor allem, als sie meine Kletterausrüstung entdeckten.

Zufluchtsort für Entkommene
Ich bin in Tallin angekommen, meine Freunde hatten eine wahre Umschlagsbasis für politische Flüchtlinge, eine leere Wohnung, wo man verweilen konnte.
In drei Tagen habe ich mich wieder gefasst, dann bin ich weitergefahren.
Ich habe Tschechien durchquert, Polen, Oesterreich, Serbien, Bulgarien, die Türkei. Schlussendlich bin ich in Georgien, in Tiflis, angekommen.

Zurück zu den familiären Wurzeln
Meine Schwester ist nach Tiflis gefahren, mein Freunde ebenfalls.
Ich liebe Georgien, unsere Grossmutter ist in Tiflis geboren und dort aufgewachsen. Ihr Leben als Erwachsene hat sie dagegen in Leningrad (St.-Petersburg) verbracht.
Diese lange Reise im Auto hat mir erlaubt, die grosse Angst teilweise abzubauen, welche die erzwungene Wegfahrt provoziert hatte.
Es hat etwas therapeutisches in einer langen Route, eine Art Meditation: ich fahre, ich lenke, die Strasse, die eben noch vor mir lag, ist bereits hinter mir. So macht das Leben einen Sinn.

Die Unterstützug der andern
Diese Reise hat mich überzeugt, einmal mehr, von der Effizienz der sozialen Verbindungen.
Bei der Arbeit mit den Obdachlosen konnte ich stets die Wichtigkeit der Freunde und der Eltern feststellen, all jener, die dich in einem schwierigen Moment unterstützen können.
Ein obdachloser Sans-Papier, der auf der Strasse ist, ohne soziale Verbindung, ist sehr verwundbar.
Jetzt ist es an mir, eine ähnliche Situation zu erleben.
Ich habe gespürt, wie entscheidend es ist, Beziehungen zu haben, die dir in einem fremden Land mit ihrer Wohnung, mit Kommunikationsmitteln, ja sogar mit ihrer freundschaftlichen Anwesenheit helfen.

Und jetzt?
Im Moment werde ich in Georgien leben. Ich will wirklich etwas tun für Russland, für all jene, die in Russland bleiben.
Ich habe Projekte.
Ich sehe viele brilliante Leute, berühmt und professionnel, um mich. Ein einmaliger Moment, in dem man sehr starke Teams bilden kann.
Zudem hat es unter jenen, die weggegangen sind, auch Reiche, die davon träumen, nach Russland zurückzukehren, und die jetzt aus der Distanz etwas für ihr Mutterland machen wollen. Wir werden sehen, was mit meinen Ideen passieren wird.
Ich hoffe auch, Nochlechka weiterhin helfen zu können. Wir haben ein sehr starkes oberstes Führungsorgan bei Nochlechka, bestehend aus 25 Personen, ich gehöre immer noch dazu.

Und ich hoffe natürlich wirklich, nach St. Petersburg zurückzukehren, sobald der Krieg beendet sein wird und das Regime ändern wird.
Aber niemand weiss, wann das sein wird.

Unsere Aufgabe ist immens
Herzlichen Dank für ihr Vertrauen in diesen besonders besorgniserregenden Zeiten, unterstützen Sie uns weiterhin, helfen Sie uns für unsere vielfältigen Aktionen, die zahlreiche Leben retten.

Die Obdachlosigkeit ist am 24. Februar nicht verschwunden.

Wichtig: trotz des Boykotts gelingt es uns immer noch, unsere finanzielle Unterstützung nach Russland zu überweisen. Die Hilfe ist wichtiger denn je.

 

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