In Zeiten von Corona

In fünfzehn Sekunden war alles weg. Es gab nichts mehr zu essen oder nur noch sehr wenig. Das Unverkäufliche des Supermarktes ist lächerlich, sagt Tatiana, der Bauch leer.
Eine in dieser Zeit der Pandemie zu oft gehörte Klage.

Mit dem Messer
Im Nachtbus tauscht man die verschiedenen Anektoten aus, die bei den Obdachlosen gesammelt wurden. Alle berichten vom Hunger, der sie plagt.

Kein Zweifel, dieses Thema hat Vorrang vor der Gesundheit. Unsere Obdachlosen fürchten sich nicht vor dem Virus, fügt Lena, eine der freiwilligen Ärzte des Charitiy Hospitals, bei. Oft entgegnen sie uns, dass sie durch die Überlebensbedingungen, denen sie ausgesetzt sind, gegen alles geimpft sind.
Es scheint, dass sich gewisse Obdachlose mit Messer angegriffen haben, um Nahrung zu ergattern, unterstreicht Artem, ein anderer Freiwilliger des Charity Hospitals.

Eine Bemerkung kommt oft aus dem Mund der Obdachlosen: „…mit euren Blusen, euren Masken fühlt man sich noch mehr ausgegrenzt, so als wären wir alle infizierte Ausserirdische…“.

Ist schummeln noch möglich?
Im Moment haben die Ordnungskräfte Nochlechka und ihre Freiwilligen wegen der Missachtung der vorgeschriebenen Quarantaine noch nicht gerügt.
Sei es auf der Tour des Nachtbusses, in den Überlebenszelten oder auch im Nachtzentrum, die Ordnungshüter intervenieren mangels präziser Direktiven der Regierung nicht.
Aus gutem Grund.

Vor zwei Tagen nahm Grigory Swerdlin, Direktor von Nochlechka, an einer Versammlung des durch die Regierung der Russischen Föderation eingesetzten Rates teil. Ein Treffen, präsidiert von der Vizepremier-Ministerin Tatyana Golidova, der Frage der Aufsicht im Sozialbereich gewidmet.

Die bürokratische Absurdität in Zeiten der Pandemie
An dieser Versammlung ist es Nochlechka gelungen, das Fehlen jeglicher Reglementierung bei der Sozialarbeit mit den Obdachlosen auf der Strasse zu unterstreichen.
Aus diesem Grund können die entsprechenden staatlichen Institutionen selber dort nicht aktiv werden, sie können nicht einmal karitative Organisationen damit beauftragen, weil solche Hilfsoptionen auf der Liste der sozial nützlichen Dienste ganz einfach nicht figurieren.

Handelt, es ist dringend
Trotz und wegen dieser Ungereimtheiten haben die Anwälte von Nochlechka Aufrufe an die Behörden von St. Petersburg und Moskau gerichtet.
Sie rufen sie auf, sich um die Obdachlosen zu kümmern.
Sie schlagen vor, dass die Regierung rasch zusätzliche temporäre Aufnahmezentren errichtet, wo die Obdachlosen mit annehmbarem sozialem Abstand unter medizinischer Aufsicht sein können.
Sie verlangen ausserdem die Lockerung der Bestimmungen, damit sich die Betroffenen von St. Petersburg in die staatlichen Nachtunterkünfte und in die Beherbergungszentren CSA begeben können, dass diese rund um die Uhr geöffnet bleiben und dass der verlangte Papierkram aufs äusserste vereinfacht wird.

Die Corona-Invasion ist für die Obdachlosen eine Katastrophe. In St. Petersburg sind über 60’000 ohne Schutz.

Mehr denn je haben wir ihre unabdingbare Unterstützung nötig.
Unsere Aufgabe ist immens, das Virus ist gefährlich.

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