Das Unsichtbare verteidigen

Was gibt es für einen Anwalt Schwierigeres, als eine Person zu unterstützen, die für die Verwaltung nicht existiert?
Dieses kafkaeske Plädoyer ist es, das Igor Karlinsky, Anwalt bei Nochlechka, täglich ausübt. Enthusiastisch berichtet er uns von seinen Erfahrungen, von der Obdachlosigkeit.

Täglich mit dem Absurden umgehen
Vor allem, und man kann es nie oft genug wiederholen, vor allem sind die obdachlosen Sans-Papiers Leute wie Sie, wie ich, Intelligente und Stupide, Ehrliche und Betrüger, Männer, Frauen, Junge und Alte.
Keiner von ihnen hat sich diese Abdrift gewünscht, sie sind alle Opfer des Verwaltungs-Systems. Und dies kann jedem von uns passieren.
Die einzigen Obdachlosen, die ich noch nie angetroffen habe, sind die Kosmonauten und die Präsidenten der Russischen Föderation.
Das Spektrum der Berufe unserer Klienten ist riesig, diplomierte Naturwissenschaftler, bekannte Künstler, ehemalige Staatsanwälte, dekorierte Militärangehörige, pensionierte Agenten der Ordnungskräfte….

Sobald in Russland jemand seine Propiska verliert, verliert er auch alle seine Rechte und er existiert in den Augen des Staates nicht mehr.

27 Jahre im Dienste der Besitzlosen
Ich bin 1990 zu Nochlechka gekommen, ich kannte den Gründer und Verantwortlichen jener Epoche, Waleri Sokolov.1993 hat er mich gebeten, den in den Urlaub verreisten Anwalt zu vertreten. Ich habe es gemacht und bin heute noch da.
Diese Arbeit ist faszinierend. Ich bin von Natur aus eine neugierige Person, an diesem Posten lerne ich konstant viele Dinge, die ich vorher nie vermutet hätte. Leuten zu helfen, die gegenüber dem System völlig benachteiligt sind, ist zudem eine der motivierendsten Herausforderungen.

Irma
Ich heisse Irma, ich bin eine alte Frau, arbeitsam, ich trinke nicht. Gewaltsam hat man ihr das Geld, ihre Dokumente und ihre gesamte Identität gestohlen. Irma wurde am Kopf verletzt, sie hat dudurch teilweise ihr Gedächtnis verloren.
Wir haben beschlossen zu versuchen, ihre Dokumente wieder zu bekommen, ihr Leben zu verbessern. Das Problem war aber, dass man nicht wusste, ob sie die russische Nationalität hatte, sie konnte sich nicht mehr daran erinnern.
Um dieses Problem zu lösen, musste man feststellen können, ob sie seit dem 6. Februar 1992, dem Inkrafttreten des Staatsbürgerschaftsgesetzes, permanent auf russischem Territorium wohnte.
Wäre Irma alleine vor der Verwaltung vorstellig geworden, hätte sie höchstens zwanzig Minuten zur Verfügung gehabt, um ihren Fall darzustellen. Unmöglich, selbst wenn man seine volle geistige Kapazität hat.

Eine Detektivarbeit
Ich habe diese Frau acht Stunden lang interviewt, um herauszufinden, wo sie wohnte.
Ich weiss, wie das Gedächtnis einer Person funktioniert, deshalb habe ich sie nicht direkt nach ihrer Adresse gefragt.
Unter Anwendung ihres visuellen, motorischen und auditiven Gedächtnisses habe ich ihr geholfen, ein Bild des Ortes zu entwickeln, wo sie nach ihren Angaben wohnte, Tscheliabinsk.
Anschliessend habe ich während mehrerer Stunden dieses Bild mit den Daten von Tscheliabinsk verglichen. Mit Hilfe einer Karte, eines Kompasses und eines Massstabes haben wir den Ort bestimmt, wo Irma wohnte.
Ich habe an die Verwaltung dieser Stadt eine Anfrage gesandt. Nach eineinhalb Monaten sind die beglaubigten Kopien der notwendigen Dokumente eingetroffen.
Anschliessend und nach Einreichung zahlreicher weiterer Dokumente hat ihr der FMS einen russischen Pass ausgestellt. In der Folge sind wir mit der Abteilung soziale Sicherheit von Tscheliabinsk übereingekommen, dass diese Irma einen Platz in einem Internat zuweist.

Bei Nochlechka bin ich nicht der einzige. Wir sind drei Vollzeit-Anwälte, die am Montag, Mittwoch und Freitag zur Verfügung stehen. Dazu kommen freiwillig tätige Kollegen.
2019 hat der juristische Dienst 3’262 Personen geholfen, wovon 1’337 zum ersten Mal ein Gesuch stellten. Ihr Durchschnittsalter ist 45 Jahre.

Den Kurs änder
Unsere Gesellschaft wird durch Geld bestimmt, der Obdachlose bildet hier kein Ausnahme. Für ihn ist dies noch schwieriger.
Er lebt von Tag zu Tag, seine Suche nach Hilfe zur Lösung administrativer Fragen auszuschlagen, kann für ihn fatal sein.
In der Zeit, wenn er zu Nochlechka kommt, damit wir ihm helfen, verdient er nichts. Zudem hat er vielleicht seinen Lieblingsort verlassen müssen, die Suche nach einem neuen wird ihn beschäftigen. Lauter unerwartete Probleme.
Um dies zu vermeiden, erhält er während der juristischen Abklärungen Essen und Kleider. Die Hauptaufgabe ist es, der unterstützten Person zu ermöglichen, ihre Lebenssituation zu verändern, die notwendigen Ressourcen zu schaffen, um juristische Hilfe zu erhalten.
Daher arbeiten unsere Anwälte eng mit dem sozialen Dienst unserer NGO zusammen.

Ihn von der Strasse nehmen
Übrigens: oft kommt ein obdachloser Sans-Papier nicht mit einer spezifischen Frage, sondern mit der Summe all seiner Probleme zu uns. Aus diesem Grund leiten wir ihn zuerst zu einem Sozialarbeiter. Unsere Spezialisten können gewisse dieser Probleme ohne Hilfe eines Anwaltes lösen wie zum Beispiel die Erneuerung des Passes, den Eintrag der Invalidität, den Erhalt einer obligatorischen Krankenversicherung, etc.
Unsere Arbeit besteht nicht ausschliesslich aus dem Anhören des Obdachlosen und der Vorbereitung der Papiere für ihn. Wir erklären ihm die Situation, die Normen und die betreffenden Gesetze im Detail.
Unsere Aufgabe ist nicht nur, einen Dienst zu erbringen, sondern der Person zu helfen, von der Strasse wegzukommen.

Die soziale Wiedereingliederung
Wenn es einen sehr komplexen Prozess gibt, ist es derjenige, einer Person, die seine Orientierung verloren hat, sich wieder zu sozialisieren.
Es kommt vor, dass der staatliche soziale Dienst einen Obdachlosen direkt in eine komplett verschiedene soziale Situation platziert, ohne vorher die notwendigen täglichen Praktiken zu vermitteln, die wir für das uns bekannte Leben kennen.
Der Fehlschlag ist sicher.
Ich qualifiziere dies nicht als Rehabilitation, sondern als Schändung. So zu handeln, verdammt diese Person zu einem neuen, schweren Rückschlag.

Bei Nochlechka nehmen wir uns die notwendige Zeit. Die Wiedereingliederung muss progressiv erfolgen, eine Person für die Wiedereingliederung in die Gesellschaft vorzubereiten, ist eine ungemein schwierige Aufgabe.
Nochlechka setzt sich dafür ein, wir haben eine umfassende Therapie adoptiert, ohne jegliche Überstürzung.
Die rechtlichen Probleme zu lösen, ist letztendlich nur eine Komponente dieses Prozesses, fasst Igor Karlinsky zusammen.

Die Wiedereingliederung, die juristischen Dienste wären ohne ihre Unterstützung nicht möglich.

Unterstützen Sie uns, unsere Aufgabe ist immens, Sie retten Leben.

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