Von der Strasse an die UNI

Die Entwicklung von Iliona, 43-jährig, ein modernes Märchen.

Von ihrer Familie misshandelt, auf die Strasse geworfen, unter die schützenden Flügel von Nochlechka genommen: Iliona studiert heute am staatlichen Institut für Psychologie und verwendet ihre Freizeit für die Sozialarbeit.

Ihre Existenz ist ein Spiegelbild zehntausender russischer Bürger, die ohne ihr Verschulden oft auf der Strasse landen, verstossen durch Umstände, gegenüber denen sie machtlos sind.

Eine Kindheit in Verachtung
Iliona erzählt uns ihren chaotischen Lebenslauf.
Ich bin in Petersburg aufgewachsen, ich habe keine guten Erinnerungen von meiner Kindheit. Ich bin in einer wohlhabenden Professorenfamilie aufgewachsen. Bereits als ganz kleines Kind habe ich unter verschiedenen Diathesen gelitten. In der Schule und auf der Strasse hat man mich deshalb  verachtet.
Sogar meine Mutter war wegen meines Aussehens schrecklich verlegen, mein Gesicht war von Krusten bedeckt. Sie arbeitete an der wissenschaftlichen Akademie, es war mir aber verboten, an ihren Arbeitsplatz zu gehen, um sie nicht beschämen.
Zu Hause herrschte eine konstante, sehr unangenehme Spannung. Mein Vater ging weg und ich absolvierte meine Schulzeit in spezialisierten Heimen. Ich konnte nicht mehr.

Das Elend
Meine Mutter hat wieder geheiratet, ein kleiner Bruder kam zur Welt. Eines Tages hat mein Schwiegervater meinen Bruder genommen und ist nach Amerika verreist. Meine Mutter starb 1999, alle ihre Güter hat sie meinem jüngeren Bruder vermacht. Der Schwiegervater ist gekommen und hat alles verkauft, sogar meine kleine Wohnung, die mir gehörte und worin ich wohnte. Die Immobilienagentur hat mich zum Wegzug gezwungen.
Ein Trauma: der Mensch, der mich aufgezog, hat mich so leichtfertig hinausgeworfen.
Aus Verzweiflung habe ich geheiratet, weil ich einfach keinen Ort zum wohnen hatte. Aber dieser Ehemann hat gemogelt, hat mich betrogen. Wir haben uns getrennt.
Und ich stand auf der Strasse.

Das Abscheuliche vergessen
Ich bin schwer erkrankt. Ich war so krank, dass ich mich einfach hinlegen und sterben wollte. Um zu überleben, musste ich meine eigene Galle trinken. Ich habe begonnen, Valocordin zu nehmen und Mittel, die das Bewusstsein auslöschen. All dies war sehr schmerzhaft und schlecht.
Ich habe den rechten Arm gebrochen und benötigte etwa zehn Operationen. Die Ärzte haben mir einen Ilizarov -Apparat montiert.
Ich habe fast drei Jahre auf der Strasse überlebt. Alkohol und Drogen verwischten meinen schrecklichen Zustand. Ich wurde vergewaltigt und in den Abfallcontainer eines Supermarktes geworfen. Ich wollte Anzeige erstatten, die Polizisten haben mir aber nicht zugehört, ich hatte keine Papiere.

Die Angst auslöschen
Ich habe von Nochlechka sprechen gehört. Als ich dort ankam, trug ich verschlissene Kleider, am rechten Arm den Ilizarov-Apparat. Ich hatte Mühe zu verstehen, was um mich herum geschah. Wegen der Gewalt, die ich auf der Strasse erlitt, habe ich die Leute gemieden.
Die Sozialarbeiter von Nochlechka haben mich unverzüglich in einem Zimmer installiert, verpflegt und mir saubere Kleider gegeben.
Sie haben die notwendigen Schmerzmittel gefunden und regelmässig den Verband gewechselt. Sie haben damit meinen rechten Arm gerettet.
Zwei Wochen später hat man mir ein Identitätspapier mit dem Stempel der Nichtregierungs-Organisation ausgehändigt. Mit der Unterstützung der Sozialarbeiter begab ich mich zur Entwöhnung ins Krankenhaus für Toxikologie.
Um die Angst, die Schmerzen, die Verzweiflung auszulöschen, habe ich ohne Ende Drogen genommen. Jeden Tag wurde ich verrückter.
Bevor ich ins Krankenhaus ging, habe ich mich ausführlich einer Pflegerin von Nochlechka anvertraut. Ich habe ihr von meinem Wunsch berichtet, eine Arbeit zu finden. Ihre Antwort kam direkt: Denke nicht an die Arbeit, sondern allem voran an Dich, das ist das Beste, das Du machen kannst. Ich war durch diese Worte sehr eingeschüchtert, sie hörten sich wie ein Urteil an.

Ein faszinierendes Abenteuer
Heute bin ich mir bewusst, dass mein Leben ein faszinierendes Abenteuer ist. Ein Mensch, der das grosse Glück hatte, auf Nochlechka zu stossen. Ohne sie wäre ich sehrwahrscheinlich auf der Strasse gestorben.
Ich studiere am staatlichen Institut für Psychologie. Zudem arbeite ich ehrenamtlich im Krankenhaus, wo ich entwöhnt wurde. Ich nehme am Programm der Anonymen Toxikomanen teil, das aus zwölf Etappen besteht.
Ich hoffe, dass ich nächstens offiziell angestellt werden kann. Mit meinem akademischen Rucksack und meiner soliden Lebenserfahrung kann ich wirksam Menschen in Not helfen.
Meine Freizeit verbringe ich in der Bibliothek, ich höre nicht auf, mich weiterzubilden. Und ich will reisen, Moskau kennenlernen, das Mausoleum besuchen.

Mein schwieriges Leben hat mich gelernt, wie einfach es für jeden Einzelnen ist, durch Umstände, auf die man keinen Einfluss hat, auf der Strasse zu landen. Wie jedermann hat der Obdachlose ein unbestreitbares Recht auf Verständnis, Unterstützung und Güte.

Hilfe für Nochlechka heisst Leben retten. Danke für ihre unerlässliche Unterstützung.

 

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