Organhandel

Die Sans-Papiers von Sankt Petersburg wurden Opfer eines kriminellen Netzes, das Organhandel mit verstorbenen Personen betreibt, die offiziell als “nicht vermisst” klassifiziert werden.
Diese Kategorie umfasst im Allgemeinen Personen, die auf der Strasse gestorben sind, keine Papiere und keine Familie haben.

Rohmaterial
Zielgruppe des Netzes waren die “Asozialen”, wie sie von den Angestellten der Leichenhäuser und den Technikern der gerichtsmedizinischen Labors genannt werden. Aber nicht nur, auch vereinsamte Personen ohne Familie gehören ins Beuteschema.
Die entmenschlichende Terminologie, die verwendet wird, um diese Toten zu bezeichnen, stammt direkt aus der Sprache der Bürokratie, wie sie in den offiziellen Rapporten der russischen Polizei zu finden ist.
Für die Kriminellen des Netzwerks rechtfertigte diese Bezeichnung die Behandlung der Verstorbenen als blosse Ressourcen (sic).
Der gross angelegte Handel mit menschlichen Körpern und Geweben wurde von einem Dutzend Personen betrieben.

Für die Forschung
Das Alexandrowskaja-Krankenhaus in Sankt Petersburg war der Hauptabnehmer dieser Organe. Stanislaw Maslow, ein Sankt Petersburger Geschäftsmann, und Andrej Kawetski, der Chef der Abteilung der pathologischen Anatomie des Spitals, wurden verhaftet. Eine Untersuchungshaft wird derzeit geprüft, erklärt Irina Volk, die Sprecherin des russischen Innenministeriums.
Sie fügte hinzu, dass die Biomaterialien von Anabios benutzt wurden, einem Unternehmen, das auf die Herstellung von anatomischen Biomodellen spezialisiert ist.

Leichen gegen Rubel
Die Direktion des Alexandrowskaja-Spitals ermöglichte den illegalen Export von Körperteilen über einen langen Zeitraum hinweg im Gegenzug zu einer finanziellen Entschädigung.
Die “Biomaterialien” wurden an verschiedene kommerzielle Einrichtungen weitergeleitet und als Testproben in der Kosmetik, Chirurgie und Zahnmedizin verwendet.
Meistens handelte es sich um die Leichenteile von Personen, die ein Leben am Rande der Gesellschaft führten und keine Familie hatten, erklärte Irina Volk.
Die Untersuchung habe ergeben, dass Ärzte in der Leichenhalle des Aleksandrowskaja-Spitals illegal Leichen obduziert hätten. Es wurden auch Fälle entdeckt, bei denen Leichen vertauscht wurden, damit zufällig auftauchende Familienangehörige keinen Verdacht auf illegale Aktivitäten schöpften, ergänzt Irina Volk.

Die letzte Ruhestätte
Trotz der Tatsache, dass das Recht auf ein Grab durch das Gesetz n° 8-FZ über Bestattungsdienstleistungen durch die Russische Föderation garantiert ist, welches eine würdige Behandlung des Körpers des Verstorbenen gewährleisten soll, ist das bei den Sans-Papiers nicht der Fall. Siehe Das Begräbnis
Für diese anonym Verstorbenen, die nicht von Angehörigen identifiziert werden, wird die Leiche zuerst in einem provisorischen Grab beigesetzt, das sich in einem durch einen Eisenzaun abgetrennten Bereich befindet. Darauf wird eine Metalltafel angebracht mit der Nummer des Grabes, dem Datum der Beisetzung und der Registrierungsnummer. Zum Beispiel, N/F, Leiche 8327, Leichenhalle 1, Büro 47, n°805, 01/07/2024. Ein Name fehlt.
Wenn sich nach fünf Jahren niemand meldet, wird die Leiche exhumiert, eingeäschert und in einem Massengrab unter einer grossen Granitplatte beigesetzt.

Die “Bjes”
Der Fall in Sankt Petersburg macht deutlich, wie unbedeutend das Leben und der Tod eines obdachlosen Sans-Papiers in Russland sind. Diese Heimatlosen in ihrem eigenen Land werden Bjes genannt. Ein passender Übername, der auf Russisch “ohne” bedeutet. Ohne Verwandte, ohne familiäre Bindung, ohne irgendwelche Unterstützung, einfach ohne irgendetwas, gerade recht, um als Rohmaterial für wissenschaftliche Experimente zu dienen.

Seit Jahren prangert Nochlechka an, dass obdachlose Sans-Papiers keinen menschenwürdigen Tod finden. Der jüngste Skandal zeigt, dass es noch ein langer Weg ist, bis solche Missstände verhindert werden können.

Wir tun alles, was in unserer Macht steht, um den obdachlosen Sans-Papiers zu helfen. Unterstützen Sie uns.

Wichtig: Trotz der Boykottmassnahmen können wir unsere finanzielle Hilfe weiterführen.