Ohne medizinische Behandlung

Der Zugang der Obdachlosen zu medizinischer Behandlung ist eine der Forderungen, die am schwierigsten umzusetzen sind. Ohne Identitätsausweis ist es sozusagen unmöglich, einen Spezialisten zu konsultieren, Medikamente zu erhalten oder sich in ein Spital einliefern zu lassen.
Seit jeher kämpfen wir dafür, diesen Zustand zu ändern. Und gerade jetzt, im Winter, verschlimmern die Kälte und die Feuchtigkeit die Situation zusätzlich, erklärt Waleria Tschaptaschwili, eine Sozialarbeiterin im Moskauer Aufnahmezentrum.

Eine absurde Realität
Die Geschichte von Andrej ist die von Tausenden Sans-Papiers, die meistens auch obdachlos sind. Die Unmöglichkeit, sich behandeln zu lassen, qualvolle Schmerzen zu erleiden, zusehen zu müssen, wie das Leid immer schlimmer wird und man völlig alleingelassen wird, das ist eine der schrecklichsten Erfahrungen.
Andrej erzählt uns: Ich spürte, dass ich das nicht überleben würde. Ich hatte weder einen Ausweis noch Medikamente. Um welche zu erhalten, hätte ich mich bei Gosuslugi eintragen müssen (Gosuslugi ist das einzige offizielle Portal der öffentlichen Dienste in Russland). Gosuslugi kann man nur telefonisch erreichen. Aber ich hatte kein Telefon und konnte ohne Pass keine SIM-Karte kaufen.

Am Ende seiner Kraft
Alles begann Ende 2018. Andrej fühlte sich krank. Er ging ins Spital. Damals arbeitete er in einer Firma für spezielle Transporte. Ich hatte während sechs Monaten Fieber und war zu nichts mehr in der Lage. Schon eine Tür zu öffnen, war eine richtige Qual. Während sechs Monaten nahm ich ein Taxi, um zur Arbeit zu fahren. Ich meldete mich bei der Abteilung für Infektionskrankheiten, wo man mich einer Reihe von Untersuchungen unterzog. Man stellte fest, dass mein Immunsystem völlig zerstört war. Ich hatte Hepatitis B. Sie fragten mich, wie ich es schaffe, zu gehen. Ich verbrachte drei Wochen im Spital.

Alles verlieren
Ausser an seiner extremen Müdigkeit leidet Andrej noch an Synkopen und Gedächtnisverlust. Als Folge seiner Hepatitis diagnostizierte man bei ihm eine Epilepsie. Andrej hörte auf zu arbeiten und vergass seine Arzttermine. Nach einer neuen Krise befand er sich, ohne zu wissen warum, in Pokrowskoje-Streschnewo (ein Verwaltungsdistrikt und historischer Naturpark im Nordwesten von Moskau).
Andrej merkte sofort, dass er seinen Rucksack verloren hatte. Darin befanden sich sein Pass, seine SNILS-Nummer (die persönliche Versicherungsnummer), sein Arbeitsbuch und sein Militärausweis. Und vor allem seine Medikamente.

Der übliche Ablauf
Ohne Papiere verliert Andrej seine administrative Existenz, er verliert seine Wohnung und steht auf der Strasse.
Da Andrej im Freien übernachten muss und keine Möglichkeit hat, sich medizinisch zu versorgen und richtig zu ernähren, verschlechtert sich sein Gesundheitszustand. Eines Morgens taucht er in der Nähe des Kasaner Bahnhofs auf. Dort ruft ein Angestellter den Sozialdienst, welcher seinerseits Nochlechka kontaktiert. Darauf kommen Mitarbeitende von Nochlechka und holen Andrej ab.
Dank der Beziehungen von Nochlechka konnte Andrej hospitalisiert werden, wenigstens solange, bis sich sein Zustand stabilisiert hatte.
Unterdessen begann unser Rechtsdienst damit, die administrative Identität von Andrej wiederherzustellen, erklärt Waleria Tschaptaschwili.
Aufgrund der Trägheit der Behörden kann die Dauer für die Wiederherstellung der Dokumente und die Deckung der obligatorischen Krankenversicherung mehrere Monate betragen. In komplexeren Fällen, in denen es sich noch um sowjetische Pässe handelt oder die Identität geprüft werden muss, kann das Prozedere sogar mehrere Jahre dauern.
Man stelle sich vor, was mit einem Menschen passiert, der während der ganzen Zeit ohne medizinische Versorgung ist.

Wir tun alles in unserer Macht stehende, um Leben zu retten. Helfen Sie uns.

Wichtig: Trotz der Boykottmassnahmen können wir unsere finanzielle Hilfe weiterführen.