Die verhöhnte Unschuld

Hunderte von Kindern und Jugendlichen hängen in völliger Hoffnungslosigkeit in den Städten Russlands herum.
An diesem internationalen Tag der Kinder auf der Strasse fasst der Bericht des 19 Jahre alten Jungen das traurige Schicksal dieser im Stich gelassenen treffend zusammen: verlassen, Eltern Alkoholiker, Gewalt, Angst, Waisenheim, kein Schutz durch den Staat, Korruption, die unbarmherzige Strasse und die dauernde Angst, die Angst, nicht zu überleben.
Es sind die Biez (russisch „ohne“), wie sie von gewissen Polizisten genannt werden.

Die Biez
Heute sind in Russland die im Stich gelassenen immer zahlreicher, aufgegeben, ohne jegliche Beaufsichtigung durch die Eltern.
Gemäss den russischen Kontrollbehörden wurden 2018 68’700 dieser Minderjährigen identifiziert, 2019 stieg die Zahl auf 75’500. 2020 steigt die Anzahl der jungen Vergessenen infolge der Corona-Pandemie weiterhin stark an.
Gemäss der Präsidentin des nationalen russischen Elternkomitees, Irina Wolynets, sind diese Zahlen ein blasses Spiegelbild der Realität.
Tatsächlich existieren in Russland keine offiziellen Statistiken über die Zahl der auf der Strasse lebenden Kinder.
Irina Wolynets ergänzt, dass die Zunahme durch die Verschlechterung der Institution der Familie sowie die sinkenden Löhne und der damit einhergehenden Verarmung der Bevölkerung verursacht wird.

Im Alter von 4 Jahren wurde ich erwachsen
Nennen wir ihn Dimitri.
Wir haben ihn am Nachtbus anlässlich der Verteilung von Lebensmittel getroffen.
Er war da, etwas abseits stehend, etwas verloren in der Warteschlange der Bedürftigen, er wartete darauf, dass die Reihe für die Gemüsesuppe an ihm war.
Dimitri spricht mit niemendem, er isst abseits der andern.
Misstrauisch erzählt er:
Meine Mutter war alkoholsüchtig, sie trank viel, was mir Angst einjagte. In unserer Wohnung gab es keine Möbel, nichts, keinen Kühlschrank, keinen Fernsehapparat, kein Bett, nichts. Man schlief auf dem Boden. Es gab nur leere Flaschen. Und nichts zu essen.
Um dem abzuhelfen, begann ich mit 4 Jahren zu betteln. Ich habe mich durchgeschlagen, ich fühlte mich beinahe wie ein Erwachsener.
Eines Tages hat mich ein Polizist bei einerr Metro-Station angehalten. Und zack, befand ich mich im Waisenhaus von Pavlovsk, in der Vorstadt von St. Petersburg.
Meine Mutter starb, als ich acht war. Ich hatte sie seit meiner Verhaftung nicht mehr gesehen.
An meinen Vater kann ich mich überhaupt nicht erinnern.

Vom Waisenheim auf die Strasse
In Russland ist die Gesetzgebung bezüglich der Waisenheime formell. Artikel 57, Absatz 2, des 2004 genehmigten neuen Wohnungsgesetzes hält fest: Die Unterkunft wird prioritär jenen Waisenkindern gewährt, die ab dem Austritt aus einem Erziehungsinstitut oder einer andern öffentlichen Einrichtung ohne Eltern- oder Familienunterstützung bleiben, zugesprochen. Dazu kommen auch die Sozialhilfe, Adoptiveltern und Waisenheime mit Familiencharakter.
Dieser Artikel wird nicht immer befolgt und führt manchmal zum Hin und Her zwischen korrupten Behörden und verdächtigen Eigentümern.
Die Waisen werden nicht über ihre diesbezüglichen Rechte informiert. Beim Verlassen der Erziehungseinrichtungen übergeben ihnen die verantwortlichen Leiter lediglich ein einfaches Ticket in die Welt des Umherirrens.
Dies war auch der Fall bei Dimitri.

P. der korrupte Bulle
Dimitri fährt weiter: Meine Tante, ebenfalls Alkoholikerin, hat beim Tod meiner Mutter ihre Wohnung erhalten. Sie vermietet Zimmer unter Mithilfe des Verantwortlichen für das Gebäude, dem Polizisten P. Dieser findet für sie Mieter gegen eine „interessante“ Vergütung, 90% der Miete.
Ich habe mit P. über die Rückgabe des Zimmers gesprochen, das mir zusteht. Aus Angst, die saftigen Vergütungen zu verlieren, hat mir P. gedroht, mich ins Gefängnis zu schicken. Seither verstecke ich mich, sonst bin ich verloren.

Die sozialen Waisen
Man muss wissen, dass zur Zeit 80% der Kinder in den Waisenheimen keine „echten“ Waisen sind.
Diese Kinder und Jugendlichen haben Familien, sie haben darin aber aus verschiedenen Gründen keinen Platz mehr.
Ihre biologischen Eltern – am Leben – wurden um ihre elterlichen Rechte gebracht oder verweigern sie.
Die Daten des Erziehungsministeriums teilen sie wie folgt ein: 50% gehören zur Kategorie der Risikopersonen, 10% begehen Selbstmord, 33% sind arbeitslos und 20% werden obdachlos.
Sie sind wie Schatten, sie haben keine Unterkunft, sie haben keine Identität. Ohne Gesicht für die russische Verwaltung überleben sie auf der Strasse, verlassen von allen.

Nicht vor Hunger krepieren
Ohne Propiska geht es für Dimitri ums tägliche Überleben, kleine Notlösungen wie das Sammeln von Metallteilen (Kupfer, Zinn, Bronze) oder bei den Rotlichtern in aller Eile Frontscheiben reinigen.
Vier Franken pro Tag, knapp genug, um nicht vor Hunger zu krepieren und zu schlafen, dreckige Keller dienen ihm als Notquartier.
Zum Glück gibt es die Vereinigung Nochlechka und ihren Nachtbus, sagt er uns noch.
Dies ermöglicht mir, warme Mahlzeiten zu essen, einige Medikamente zu bekommen, wenn ich mich nicht gut fühle, von den Freiwilligen Ermunterungen zu spüren.

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