Der sibirische Feldzug

Täglich, um genau 17h30, startet der Nachtbus die Suche nach den Obdachlosen.
Eine nächtliche Tournee durchstreift die Metropole von links nach rechts und von oben nach unten, diese Nacht unter einer Schneedecke. Der Verkehr kriecht im Schritttempo, der tobende Schneesturm macht die Fahrer blind.

Abgelegene Ecken
Vier Treffpunkte müssen angepeilt werden: Yuzhnoe shosse, die Bahnstation Ligovo, der Smolenskoe-Friedhof und schliesslich die Mineralnaya-Strasse. Wir benötigen dafür mindestens sechs Stunden. Meistens befinden sich diese Treffen an abgelegenen Ecken, weitab der Wohnhäuser, um jegliche Probleme mit der Nachbarschaft zu vermeiden.
Yuzhnoe shosse ist das Paradebeispiel: eine völlig verlassene Industriezone.
Das Strässchen, das uns dorthin führt, hat seit einigen Stunden keinen Schneepflug gesehen, der Bus kämpft sich mühsam durch den Neuschnee.

Kein Platz für Gespräche
Eingefangen vom Scheinwerferlicht erwarten etwa dreissig durch den Wind gebeugte Silhouetten ungeduldig darauf, sich mit Suppe und Tee aufwärmen und den knurrenden Magen beruhigen zu können, heute Abend auch die Crêpes zu kosten.
Einige Obdachlose erhalten Medikament für die erste Hilfe.
Die Verteilung verläuft zügig, die beissende Kälte lässt keinen Platz für Gespräche. In weniger als zwanzig Minuten konnten alle verpflegt werden, bis sie satt waren. Ein feuchter, starker Wind durchdringt die dicken Kleiderschichten. Das Thermometer zeigt minus zehn Grad.
Ihre Aussagen gleichen sich, zuallererst wiederholen sich die Klagen über die Kälte, die sie aushalten müssen, über das Überleben, die fehlenden Orte, um Schutz zu finden. Und schon verschmelzen ihre Gestalten mit der von agressiven Schneeflocken zerschnittenen Nacht.
Zeit zum Aufbruch, der Weg ist weit, andere Obdachlose erwarten uns.

Eine grosse Sensibilisierungsarbeit
Das Team des Nachtbusses setzt sich zuammen aus dem Fahrer, Mitarbeiter von Nochlechka und vier freiwilligen Helfern. Insgesamt etwa dreissig Personen, meistens Studenten und Berufsleute. Heute Abend sind es eine Übersetzerin, ein Informatiker, eine Ökonomistin und ein Rattenfänger.
Einer davon bestätigt stolz, dass Nochlechka eine grossartige Sensibilisierungsarbeit erfüllt, mehr und mehr Bewohner der Stadt sind auf die obdachlosen Sans-Papiers aufmerksam geworden. Zudem fügt er bei, dass die Mahlzeiten von verschiedenen Restaurants stammen, welche sie kostenlos zur Verfügung stellen und wo man sie im Laufe des langen Winter-Feldzuges abholt.

Essen für alle…
Vier Stops und eine Szene wiederholt sich ohne Ende: in einer Schlange warten die Obdachlosen, bis ihr Behälter gefüllt wird. Einige haben leere Flaschen mitgebracht, um einem zurückgelassenen Kameraden eine Mahlzeit mitbringen zu können. Es ist besonders wichtig, dass alle zu Essen bekommen, besonders in diesem brutalen Winter.

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