Der 8. März ist der internationale Frauentag. Er erinnert an die nach wie vor nur allzu oft vorkommenden Ungleichheiten zwischen Männern und Frauen.
Es überrascht kaum, dass dies auch für die russischen Frauen gilt, die obdachlos sind und keine Identitätspapiere besitzen. Ihr Schicksal ist noch schlimmer als das ihrer männlichen Leidensgenossen.
Der 8. März soll uns deshalb vor allem auch daran erinnern, dass es Menschen gibt, die in ihrer Verzweiflung ganz besonderer Unterstützung bedürfen, nämlich diese Frauen, denen es an allem fehlt.
Eine archaische Politik
Eine der Hauptursachen der weiblichen Obdachlosigkeit ist die innerfamiliäre Gewalt. Um ihr zu entkommen, landen Frauen oft auf der Strasse.
Und hier erwartet sie eine andere Art von Gewalt.
Hunger, Promiskuität, Schmutz, eklatanter Mangel an Hygiene, physische, sexuelle, und moralische Aggressionen.
Die Rechte der Frau sind in Russland im Jahr 2026 verfassungsrechtlich durch formale Gleichberechtigung garantiert, aber in Wirklichkeit hat diese konservative Gesellschaft eine patriarchalische Gesetzgebung, die bestimmte Formen häuslicher Gewalt entkriminalisiert.
Ja, bestimmte Formen brutaler Gewalt gegenüber der Partnerin werden als normal betrachtet. Seit 2016 sind Gewalttaten, die keine Hospitalisation nach sich ziehen und nicht mehr als einmal pro Jahr vorkommen, straffrei.
Ausserdem sind russische Frauen in der Politik untervertreten, und eine Mehrheit von ihnen vermittelt traditionelle Werte (Mutterschaft, Haushalt). Unter Wladimir Putin legt der russische Staat den Fokus auf die konventionelle Familie. Der Feminismus wird manchmal als extremistische Ideologie betrachtet und unterdrückt.
Frauen in Klammern
Nochlechka startete im Jahr 2009 in Sankt Petersburg eine Sensibilisierungskampagne, um die staatlichen Aufnahmezentren dazu zu bewegen, separate Räume für Frauen und Müttern mit Kindern bereitzustellen. Nochlechka plante am Anfang die Obdachlosenhilfe ohne Unterschied des Geschlechts.
Erst am 31. Juli 2020, als Daria Baibakowa die Leitung von Nochlechka in Moskau übernahm, wurden endlich auch die Bedürfnisse der obdachlosen Frauen berücksichtigt.
Wir wollten, dass keine Frau mehr Angst haben muss, dass sie sich nicht schämen muss und vor allem, dass sie mit ihren Problemen in einer schwierigen Phase ihres Lebens nicht allein bleibt.
Obdachlose Frauen sollen sich sicher fühlen, betont Daria. Das ist auch heute immer noch unsere Motivation.
Eine grosse Schutzbedürftigkeit
Obdachlosigkeit ist vor allem ein Problem der Unsicherheit, erklärt Daria Baibakowa. Eine obdachlose Frau ist umso verletzlicher, als ihr tägliches Überleben mit verschiedenen Formen von Gewalt verbunden ist und sie ständig nach Möglichkeiten suchen muss, sich davor zu schützen.
Deshalb haben wir beschlossen, uns darum zu kümmern. Wir sind stolz auf das, was wir innert fünf Jahren erreicht haben, fährt Daria fort. Wir haben ein Aufnahmezentrum speziell für obdachlose Frauen geschaffen. Und dazu haben wir Dienstleistungen wie Duschen, eine Waschküche und einen Coiffeursalon eingerichtet mit fixen Zeitfenstern, die für diese Frauen reserviert sind.
Ausserdem kümmern wir uns das ganze Jahr über darum, dass sie Unterwäsche und Verhütungsmittel erhalten und dass Termine bei einer Frauenärztin vereinbart werden können. Wir bieten auch Kurse in Selbstverteidigung an.
Ein ständiger Kampf
Zur Erinnerung: Im Jahr 2026 gibt es in Moskau und in Sankt Petersburg Zehntausende von obdachlosen Sans-Papiers. Ihr Durchschnittsalter beträgt 49 Jahre, 77% davon sind Männer, 23% Frauen. Frauen suchen jedoch seltener Hilfe, so dass sie in den Statistiken nicht vollständig berücksichtigt werden.
Unsere Aufgabe ist riesig. Helfen Sie uns, mehr Menschlichkeit zu schaffen.
Wir benötigen Ihre unverzichtbare Unterstützung.
Wichtig: Trotz der Boykottmassnahmen können wir unsere finanzielle Hilfe weiterführen.