Die letzte Zigarette

Das erste Mal in meinem Leben habe ich es bereut, nicht zu rauchen, keine Zigaretten bei mir zu haben, erzählt Daria Lysukhina, Spezialistin für soziale Arbeit bei Nochlechka.
In Russland sind die administrativen Zwänge manchmal so schlimm, dass ein Kranker daran sterben kann.

Eine tödliche Diagnose
Alles begann vor ein paar Wochen, als Semjon, ein 38-jähriger obdachloser Sans-Papiers in unser Aufnahmezentrum kam. Ein Passant hat ihn zu uns begleitet.
Semjon hat Schmerzen, seine linke Wange ist stark geschwollen. Wir denken sofort an ein Zahnproblem.
In der Klinik wird klar, dass dem überhaupt nicht so ist. Semjon hat Krebs, ein aggressiver Krebs des Lymphsystems (DLBCL).
Der Begleiter ist bei ihm geblieben und hat uns sehr geholfen, denn am Anfang vertraute Sejmon nur ihm, ergänzt Daria Lysukhina. Er wollte nicht bei uns im Zentrum bleiben, fand alles zu sauber, zu komfortabel und meinte, dass er solche Verhältnisse nicht verdiene. Trotz seines schlechten Zustands und seiner Schmerzen lief er mehrmals davon und kehrte wieder zurück, jedes Mal begleitet vom gleichen Passanten.

Absurde Unmenschlichkeit
In unserem Land ist es immer äusserst kompliziert, einen Sans-Papiers zu behandeln. Wir mussten zunächst die administrative Situation von Semjon regeln, bevor wir eine echte Behandlung in Betracht ziehen konnten.
Das dauerte zwei Monate. Natürlich wuchs der Krebs in dieser Zeit weiter. Unser Beitrag begrenzte sich darauf, die starken Schmerzen zu lindern, an denen Semjon litt. Als endlich alle Papiere vorlagen, wurde es möglich, Semjon im Spital behandeln zu lassen. Aber zwei Tage später verschlimmerte sich plötzlich sein Zustand. Wir riefen einen Krankenwagen, welcher ihn übrigens zunächst aus administrativen Gründen nicht transportieren wollte.
Ich diskutierte lange mit dem Fahrer. Schliesslich hat er ihn mitgenommen. Im Spital haben wir auf den diensthabenden Arzt gewartet. Währenddessen las ich die Dokumente zum hundertsten Mal durch, aus Angst, etwas vergessen zu haben, was seine Behandlung verunmöglicht hätte.

Unterstützung
Es gibt viele schwierige Momente, und manchmal kommt man an die Grenze eines Burnouts, erzählt Daria Lysukhina weiter. Um durchzuhalten, haben wir auf Wunsch eine individuelle Supervision, aber auch eine Gruppensupervision, die von qualifizierten Personen geleitet wird.
Zu Beginn war ich skeptisch gegenüber dieser Unterstützung und dachte immer, dass ich allein zurechtkommen würde. Aber schliesslich habe ich die Wirksamkeit der Supervision schätzen gelernt.
Auch mein familiäres Umfeld ist ein wichtiger Faktor. Meine Familie ist meine Stütze; ich spreche so oft mit ihr über berufliche Themen, so dass sie ein integraler Bestandteil meines Teams ist.
Was Semjon betrifft, so hatte ich das wirklich nötig. Wenn man sieht, dass ein Mensch vielleicht hätte gerettet werden können, wenn es nicht all diese administrativen Schranken gegeben hätte, so ist das unglaublich kräftezehrend, entmutigend und beängstigend.

Die letzten Stunden
Auf dem Untersuchungstisch verliert Semjon immer wieder das Bewusstsein, dann kommt er wieder zu sich und sucht seine Zigaretten. Er wird wütend, weil er sie nicht findet und droht, davonzulaufen, um sich welche zu holen.
Ich beugte mich zum Arzt vor und bat ihn, Sejmon rauchen zu lassen. Der Arzt sagte mir, dass es verboten sei, aber er hatte Verständnis. Wir stellten uns so hin, dass wir die Überwachungskamera verdeckten, und der Arzt gab ihm eine seiner Zigaretten. Es war Sejmons letzte Zigarette, und ich werde mich mein Leben lang daran erinnern. Ein paar Stunden später verstarb er.

Unsere Aufgabe ist riesig. Helfen Sie uns, Leben zu retten. Es ist Winter.

Wichtig: Trotz der Boykottmassnahmen können wir unsere finanzielle Hilfe weiterführen.