Baby an Bord

Seit sieben Monaten betont Daria Baibakowa, die Direktorin von Nochlechka Moskau, dass die Mutterschaft ihr helfe, das Problem der Obdachlosigkeit besser zu verstehen.
Heute Morgen im Aufnahmezentrum: Es ist Frauentag, ein besonderer Moment, den Daria ins Leben gerufen hat, da sie weiss, dass obdachlose Frauen unter männlicher Gewalt noch mehr leiden als andere und sich nach Augenblicken der Ruhe sehnen.

Man vergisst es nicht
Im kleinen Empfangsraum hört man das ständige Gemurmel von Gesprächen. Es wird Tee in Plastikbechern angeboten und man sieht die Leuchttafel, welche anzeigt, wer für Beratungsgespräche oder für die Dusche drankommt. Im Hintergrund hört man den Fernseher, der Komödien von Gaidai zeigt.
Die Ankunft von Daria Baibakowa und Marusia, ihrem sieben Monate alten Kind, zieht natürlich alle Blicke auf sich, und von allen Seiten sieht man lächelnde Gesichter und wohlwollende Kommentare. Einige obdachlose Sans-Papiers kommen zu ihr und erteilen ihr Ratschläge zum Stillen, zur Ernährung und zu den Allergien, an denen Kleinkinder leiden können.
Daria erklärt: Wenn ich ihnen zuhöre, sage ich mir, dass die Erinnerung an die Mutterschaft bei einer Frau so tiefgreifend ist, ein so wichtiger Teil ihres Lebens, dass dieser Moment sich trotz der Qualen des Überlebenskampfes auf der Strasse klar eingeprägt hat, selbst wenn alles andere immer mehr durcheinandergerät.

Eine Ecke für Marusia
Im Büro von Daria wurde ein Wickeltisch aufgestellt und ein kleines pastellblaues Büchergestell mit Büchlein für Kleinkinder, Geschenke der Mitarbeitenden von Nochlechka. Bald wird noch ein Laufgitter mit Plüschtieren dazukommen.
Ihr Büro entspricht nicht dem Bild, das wir uns von einem Büro machen. Ein paar Stühle, ein überladener Tisch und ein Garderobenständer befinden sich in einem Teil des Raums. Der Rest ist von Kartonschachteln verschiedener Grösse überstellt. Es ist nicht immer so, erklärt Daria lachend. Aber wir haben diverse Warenspenden für Weihnachten erhalten, für unsere Aktion “Mandarine”.

Besser verstehen
Verschiedene Leute haben mich gefragt, wie ich es nur über mich bringen könne, meine Tochter hierhin mitzubringen, mitten unter diese Obdachlosen, die man mit Schmutz und üblen Gerüchen in Verbindung bringt und nicht mit Menschlichkeit.
Mit Marusia hierher zu kommen, gibt mir die Gelegenheit, die Schwierigkeiten, denen die Obdachlosen ausgeliefert sind, besser nachzuempfinden. Zum Beispiel was die Mobilität betrifft. Beim Metroausgang hat es eine steile Rampe, die man mit einem Kinderwagen nicht leicht bewältigen kann. Und ich denke dann, wie viel schwieriger es für eine behinderte Person in einem Rollstuhl sein muss. Viele Obdachlose sind in einer solchen Situation.

Keine Pause
Nach der Besichtigung der Räumlichkeiten mit Irina Warnawskaia, der Ministerin für Arbeit und soziale Entwicklung der Region Omsk, gibt es keine Zeit für ein Mittagessen, weil Daria eine Sitzung mit dem Ingenieur von Nochlechka hat. Verkabelungen, Feueralarm, Storen, Nachtbus: Es gibt immer etwas, das repariert, erneuert, unterhalten oder neu beschaffen werden muss.
Kurz vor dem Treffen mit dem Anwalt von Nochlechka, an dem die laufenden Fälle analysiert werden, braucht es eine Stillpause.
Marusia bleibt immer bei ihrer Mama. Entweder trägt Daria sie oder legt sie in den Kinderwagen. Seltener kommt es auch vor, dass eine andere Person sich kurz um sie kümmert.
Ihre Mutter diskutiert mit ihren Kolleginnen, während das Töchterchen versucht, auf den Tisch zu klettern. Ohne das Gespräch zu unterbrechen, hält Daria sie zurück, stellt sie sanft auf und stützt sie.

Die Zeit aufteilen
Es sind nun sieben Jahre her, seit ich die Führung von Nochlechka übernommen habe. Es ist ein Vollzeitjob, und trotzdem können sie sehen, dass es mir gelingt, diese Aufgabe auch mit Marusia zu bewältigen.
Es ist klar, dass die Unterstützung meiner ganzen Familie und die Geduld der Mitarbeitenden es mir massiv erleichtern, diese doppelte Belastung zu tragen.
Manchmal beginnt Marusia zu weinen und stört unsere Sitzungen. Dennoch beklagt sich nie jemand darüber. Aber ich kann es nicht bestreiten: Dieses Jonglieren, die Tatsache, eine alleinerziehende Mutter zu sein, bringt es mit sich, dass ich mich manchmal ein bisschen anders fühle. Und, wenn ich es wage, diesen Vergleich anzustellen: Das Gefühl des Anderssein hat eine gewisse Ähnlichkeit mit der Ausgeschlossenheit, welche die obdachlosen Sans-Papiers empfinden.
Natürlich ist das absolut nicht vergleichbar. Ich bin eine privilegierte Person, während die Ausgrenzung, unter der die Obdachlosen leiden, ein unerträgliches Ausmass annimmt und von Stigmatisierung, negativen Stereotypen, Ekel und Ablehnung begleitet wird.

Unsere Aufgabe ist riesig. Helfen Sie uns, Leben zu retten. Es ist Winter.

Wichtig: Trotz der Boykottmassnahmen können wir unsere finanzielle Hilfe weiterführen.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

This site is protected by reCAPTCHA and the Google Privacy Policy and Terms of Service apply.